Die Axt kracht in die hölzerne Badezimmertür, Jack Nicholsons wahnsinniger Blick dringt durch den Spalt. Die wohl bekannteste Szene aus dem Film „Shining” gehört für mich zu den gruseligsten der Filmgeschichte. Jetzt stehe ich hier vor dem Hotel, das Stephen King 1973 zur Romanvorlage inspirierte. Es ist das Stanley Hotel in Estes Park, Colorado, direkt am Eingang zum Rocky Mountain National Park.

King übernachtete hier mit seiner Familie, da die Trail Ridge Road, die sich durch den Nationalpark schlängelt, aufgrund starken Schneefalls gesperrt war, und erlebte seinen angeblich schlimmsten Alptraum. Unter Geisterjägern gehört das Stanley schon lange zu den Hotels, in denen es am meisten spukt. Ich bin mehr als gespannt, ob und wie ich hier schlafen werde.

 

The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

 

Um mich richtig einzustimmen und um mehr über die Geschichte des Hauses zu erfahren, nehme ich an einer Hotelführung teil. Diese wird übrigens auch für Nicht-Hotelgäste angeboten. Die Tour beginnt im Untergeschoss des Hotels, in dem man auf einige „Shining”-Relikte, wie beispielsweise das Drehbuch der Kubrick-Verfilmung oder die Schreibmaschine von Autor Jack Torrance, stößt.

Nach einer gruseligen Begrüßung von Scary Mary erklärt unser Guide mit ernster Miene: „The truth is often stranger than fiction.” Er spielt damit auf die „realen” Geister des Hotels an. Dazu gehört unter anderem das Zimmermädchen Mrs. Wilson, das bereits 1911 starb, jedoch angeblich immer noch in Zimmer 217 „aufräumt”. Dies bekämen vor allem unverheiratete Paare zu spüren.

 

"Shining" Drehbuch, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

„Shining” Drehbuch, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

"Shining" Schreibmaschine, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

„Shining” Schreibmaschine, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

 

In Zimmer 217 hat auch Stephen King in jener Nacht geschlafen, als ihn ein Alptraum aus dem Schlaf riss. Es war der 30. September, also einen Tag bevor das Hotel für den Winter schloss. Bei einer nächtlichen Zigarette auf dem Balkon dachte er sich schließlich die Geschichte um einen Autoren aus, der mit seiner Familie den Winter über den Hausmeisterdienst in einem abgelegenen Hotel übernimmt. „Du musst mir versprechen, dass du dort nicht hineingehst - das Zimmer musst du meiden”, wird dem kleinen Danny schließlich im Buch „Shining” über das Zimmer mit der Nummer 217 eingebläut.

 

Filmszenen aus "Shining", The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Filmszenen aus „Shining”, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

 

In Kubricks Verfilmung von 1980 wurde es übrigens die Nummer 237, da die Timberline Lodge, in dem der Film aufgrund der Abgeschiedenheit des Hauses gedreht wurde, lieber eine nicht vorhandene Zimmernummer wählte. Man hatte schlicht und einfach Angst, dass das Zimmer sonst nicht mehr gebucht würde. Paradoxerweise ist jedoch genau die 217 im Stanley immer ausgebucht. Wer unbedingt darin schlafen möchte, sollte sich also auf eine längere Wartezeit einstellen. Vor allem zu Halloween ist es bereits auf Jahre reserviert.

 

Zimmernummer 217, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Zimmernummer 217, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

 

Das Zimmerschild mit der Nummer 217 ist übrigens auch das einzige, was angeschraubt wurde, da es schon so oft geklaut wurde. Im Shop des Hotels kann man es jetzt als Schlüsselanhänger kaufen. Dort gibt es außerdem einige Bücher von Stephen King sowie Karten, T-Shirts, Flaschen, Gläser und Tassen mit „Redrum”-Aufschrift. Vor dem Hotel hat man, nachdem die Gäste jahrelang danach gefragt haben, der Geschichte aus „Shining” entsprechend sogar ein Labyrinth angepflanzt.

 

Shop, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Shop, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

"Shining" Souvenirs, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

„Shining” Souvenirs, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Labyrinth vor dem Hoteleingang, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Labyrinth vor dem Hoteleingang, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

 

Für Film- und Gruselfans wird künftig noch mehr geboten, denn derzeit ist als Anbau des Hotels das Stanley Film Center geplant. Für Besucher wird es ein interaktives Horror-Museum geben, für Filmschaffende sogar ein Produktionsstudio. Namhafte Filmstars wie Elijah Wood („Der Herr der Ringe”) und Simon Pegg („Shaun of the Dead”) unterstützen das Projekt. Das Stanley Film Center soll an Halloween 2018 eröffnen.

 

Das für 2018 geplante Stanley Film Center © The Stanley Hotel

Das für 2018 geplante Stanley Film Center © The Stanley Hotel

 

Mittlerweile ist es abends, die Tagesgäste der Führungen sind zu einem großen Teil in anderen Hotels untergekommen und die langen Flure lichten sich. Etwas gruselig ist es nun doch im über 100 Jahre alten Stanley Hotel. Und Stephen King ist daran nicht ganz unschuldig. Für die Verfilmung von „Shining” als TV-Miniserie - King selbst war von Kubricks Version enttäuscht - ordnete er einige Änderungen nach der Devise „Make it scary, put in wood” im Hotel an. In der Serie, die 1997 erschien, durfte dann schließlich tatsächlich das Stanley in die Rolle des Overlook Hotels schlüpfen.

 

Treppenaufgang, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Treppenaufgang, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Lobby, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Lobby, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Hotelflure, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Hotelflure, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

 

Um besser schlafen zu können, zieht es mich zu einem Gute-Nacht-Drink an die Bar. Natürlich bestelle ich als Filmtourist den Redrum Punch, ein rot-orange leuchtender Cocktail mit Brugal Anejo Rum. Neben mir plaudert ein Gast mit dem Barmann über seltsame Vorkommnisse im Hotel.

An der Wand hängen die Fotos aller Stars, die sich getraut haben, im berüchtigten Zimmer 217 zu schlafen, darunter Schauspieler Danny Lloyd, der den Jungen Danny Torrance im Film spielte, Barbra Streisand und Jim Carrey, der während des Drehs zu „Dumm und dümmer” dort untergebracht wurde. Carrey verließ allerdings noch vor Ende der Nacht das Hotel. Leider erzählte er nie was passiert war.

 

Cascades Lounge, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Cascades Lounge, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Redrum Punch, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Redrum Punch, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Prominenter Hotelgast in der "217", The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Prominenter Hotelgast in der „217”, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Filmszene aus "Dumm und dümmer", The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

Filmszene aus „Dumm und dümmer”, The Stanley Hotel, Estes Park, Colorado © Andrea David

 

Irgendwie bin ich nach all den Geschichten doch etwas beruhigt, nicht das Zimmer 217 bekommen zu haben, sondern nun mein Bett in Zimmer 308 anzusteuern. So dürfte mich zumindest Mrs. Wilson in Ruhe lassen. Nur einmal wache ich kurz auf, als ich das Gefühl habe, dass jemand an meiner Decke zieht. Es läuft mir eiskalt den Rücken hinunter und ich bin kurz davor die Geisterjäger zu rufen. Doch die Müdigkeit ist zu groß, der Redrum Punch zeigt immer noch seine Wirkung und so schlummere ich wieder zurück in einen sonderbaren Traum. Nun, ein Bestseller wird daraus eher nicht.

Fest steht: Wer das Stanley richtig kennen lernen möchte, sollte auch eine Nacht bleiben. Auf Kanal 42 in Zimmer 217 läuft übrigens „Shining” mit Jack Nicholson in Endlosschleife. Allein das ist eine gruselige Vorstellung, finde ich…

 

Weitere Infos:
Touren durch das Stanley Hotel
Übernachten im Stanley Hotel
Estes Park Visitor Guide
Rocky Mountain National Park

Anreise: Estes Park ist mit dem Auto in etwa anderthalb Stunden von Denver aus erreichbar.

 

Offenlegung: Die Übernachtung im Stanley Hotel wurde von Visit Estes Park in Colorado unterstützt.

Über den Autor

Ich liebe Filme und Reisen und leidenschaftlich gerne verbinde ich das eine mit dem anderen. Seit über 10 Jahren reise ich auf den Spuren sehenswerter Filmschauplätze auf der ganzen Welt und teile hier Infos über die Drehorte alter und neuer Streifen. Mehr

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2 Responses

  1. Heiko Jörges

    Hallo Andrea !

    Gratulation zu deiner tollen Website; das gilt übrigens auch für deinen Reiseblog samt der wirklich gut und unterhaltsam geschriebenen Berichte. Auch die Fotos sind allesamt große Klasse. „Shining” ist immer noch ein großer Horror-Klassiker mit witzigen Anspielungen auf den wachsenden Wahnsinn des Hauptdarstellers Jack Nicholson (ohnehin ein großer Charakterdarsteller … mir fällt gerade „As good as it Gets” ein). Lobenswert ist auch wie du die einzelnen Fotos mit den einzelnen Filmszenen in Verbindung bringst. Da ist man gleich mitten in der Handlung drinnen. Ich bin übrigens kein Filmtourist, sondern ein Film-Set-Tourist, das aber in wesentlich kleinerem Rahmen, also in Deutschland, hier auf Malta und vielleicht irgendwann auch mal in Italien, Frankreich oder England/Schottland. Tislijet minn-Malta

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