Der Kult um „Winnetou” ist ungebrochen. Die Karl-May-Filme mit Pierre Brice und Lex Barker sind auch heute noch so beliebt wie in den 60er Jahren, in denen sie gedreht wurden. Die wildromantische Landschaft, durch die der Häuptling der Apachen und das weiße Greenhorn ritten, hatte einen entscheidenden Anteil am Erfolg der Kinoabenteuer. Und die weißen Berge, die malerischen Wasserfälle und die großen Schluchten sind gar nicht so weit weg vom deutschen Publikum, wie sie laut Karl Mays Romanen sein müssten. Denn die Filme wurden nicht in der amerikanischen Prärie gedreht, nicht im Grand Canyon, Monument Valley oder Death Valley. Sie entstanden in Jugoslawien, genauer gesagt, in jener Region, die seit 1991 die unabhängige Republik Kroatien bildet.

Als die Produktionsfirma Rat Pack im Herbst 2015 damit begann, drei neue Winnetou-Filme für RTL zu drehen (Sendetermine: 25., 27. und 29. Dezember 2016), stand in der Pressemitteilung, die Filme würden an „Original-Schauplätzen” entstehen. Wohlgemerkt: nicht im Indianerland Amerika, sondern in Kroatien, das Amerika doubelt. So sehr hat sich die bezaubernde Felsenlandschaft in die Netzhaut mehrerer Generationen gebrannt, seit Horst Wendlandts Produktionsfirma Rialto und später auch Artur Brauners CCC dort ihre Western drehten. Die Buchautoren Dirk Brüderle und Michael Scholten (Filmreiseführer Kroatien) haben für uns einige besonders sehenswerte Karl-May-Locations zusammengestellt:

 

Starigrad-Paklenica

Ein guter Ausgangspunkt für viele Exkursionen ins kroatische Indianerland ist das Hotel Bluesun Alan in Starigrad-Paklenica. Eingerahmt von filmbekannten Bergen auf der einen Seite und der blauen Adria auf der anderen Seite, wohnte hier das Team der drei neuen Winnetou-Filme im Herbst 2015. Im Schatten des modernen Hochhauses steht das ehemalige Paklenica Motel, in dem Anfang der 60er Jahre schon das Team von „Der Schatz im Silbersee“ wohnte. Ursprünglich für Biologen gebaut, die in den nahegelegenen Nationalparks die Natur erforschen wollten, wurden die ehemals 40 Zimmer des Motels schnell zur zweiten Heimat der deutschen Westernfilmer. Seit 2009 ist das Motel ein „Winnetou-Museum“ und stellt Fotos, Plakate und Requisiten aus.

Hotel Bluesun Alan in Sterigrad-Paklenica, Kroatien © Michael Scholten

Hotel Bluesun Alan in Sterigrad-Paklenica, Kroatien © Michael Scholten

Im Schatten des Hotels Bluesun Alan wurde 2009 ein Winnetou-Museum eröffnet © Michael Scholten

Im Schatten des Hotels Bluesun Alan wurde 2009 ein Winnetou-Museum eröffnet © Michael Scholten

Blick ins Innere des Winnetou-Museums im früheren Paklenica Motel © Michael Scholten

Blick ins Innere des Winnetou-Museums im früheren Paklenica Motel © Michael Scholten

Vom Hotel Bluesun Alan ist es nur ein kurzer Spaziergang zur Turmruine Vecka kula. Sie diente als Kulisse für Kirk Douglas‘ Regiedebüt „Scalawag – Der Pirat der 7 Meere“ (1973), eine ziemlich misslungene Mischung aus Piratenfilm und Western. Die Ruine kann kostenlos besichtigt werden.

Die Turmruine Vecka kula in der Nähe des Hotels Bluesun Alan, Kroatien © Michael Scholten

Die Turmruine Vecka kula in der Nähe des Hotels Bluesun Alan, Kroatien © Michael Scholten

 

Zrmanja-Canyon

Der Zrmanja-Canyon ist vielleicht die magischste aller Karl-May-Filmlocations. Hier wurde das Apachen-Pueblo für „Winnetou 1“ und „Winnetou 3“ errichtet, am selben Motiv trafen sich in „Old Surehand 1. Teil“ auch der Titelheld (Stewart Granger) und Winnetou. In „Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten“ wurde Leutnant Cummings (Clarke Reynolds) hier – immerhin mit schöner Aussicht – gefoltert. Von Starigrad-Paklenica kommt man mit dem Auto bequem in die Nähe des Canyons. Wer sein Auto (oder das der Verleihfirma) liebt, sollte für das letzte Stück einen 15 bis 20 Minuten langen Spaziergang einplanen, weil sich in den vielen Schlaglöchern der Schotterpiste spitze Steine verbergen können, die man vor allem nach Regenfällen nicht sehen kann und die so manchen Autoreifen platzen lassen können.

Zrmanja Canyon, Kroatien © Michael Scholten

Zrmanja Canyon, Kroatien © Michael Scholten

Am Drehort weist eine große Holztafel mit Fotos, Zeichnungen und Texten auf die filmhistorische Bedeutung des Canyons hin. Dabei werden nur die Karl-May-Filme erwähnt, obwohl hier auch viele andere internationale Stars vor der Kamera standen: Omar Sharif ritt hier als „Dschingis Khan“ (1965) im gleichnamigen Historienfilm, Kirk Douglas und Danny DeVito drehten hier „Scalawag – Der Pirat der 7 Meere“ (1973). An selber Stelle stand Heino Ferch im Sat.1-Zweiteiler „Der geheimnisvolle Schatz von Troja“ (2006) als deutscher Forscher Heinrich Schliemann. Auch die ARD-Komödie „Winnetous Weiber“ (2014), mit Maren Kroymann, Nina Kronjäger, Floriane Daniel u.a., entstand am Zrmanja-Canyon sowie an anderen Karl-May-Locations wie den Plitvicer Seen.

 

Mali Alan (Tulove Grede)

Der weiße Berg Mali Alan, auch Tulove Grede genannt, ist eine der höchsten Erhebungen des Velebit-Gebirges und eines der bekanntesten Wahrzeichen der Karl-May-Filme. Gleich zu Beginn von „Winnetou 1“ sieht man Pierre Brice in dieser beeindruckenden Kulisse. Mit dem Auto ist der Berg in gut einer Stunde von Starigrad-Paklenica erreichbar. Den größten Teil der Fahrzeit nimmt der beschwerliche Anstieg auf den Berg in Anspruch. Fast 20 Kilometer geht es kontinuierlich auf Serpentinenstraßen nach oben, wobei es keine seitlich keine besonderen Absicherungen gibt. Wer Höhenangst hat, muss schon ein großer Karl-May-Fan sein, damit er dieses Abenteuer auf sich nimmt. Außerdem kann es in einigen Gebieten noch Minen aus dem Jugoslawien-Krieg geben. Die Drehorte sind um den ganzen Berg herum verteilt, darunter Nugget Tsil, das Goldversteck der Apachen, die „Geier-Wiese“ aus „Unter Geiern“ sowie das „Tal der Skelette“ in „Old Surehand 1. Teil“.

Die Fingerfelsen am Mali Alan in "Winnetou 1", Kroatien © Dirk Brüderle

Die Fingerfelsen am Mali Alan in „Winnetou 1”, Kroatien © Dirk Brüderle

Die Geier-Wiese aus "Unter Geiern", Kroatien © Dirk Brüderle

Die Geier-Wiese aus „Unter Geiern”, Kroatien © Dirk Brüderle

Der Bergvorsprung, auf dem in „Winnetou 3“ der Häuptling der Apachen starb, ist ebenso schön wie schwer zugänglich. Weil auch hier noch Minen liegen können, sollte man auf einen einheimischen Führer setzen, der für eine sichere Kletterpartie garantieren kann. Auf der anderen Seite des Mali Alan, rund 1h Fußmarsch entfernt, befanden sich in „Winnetou 3“  die dunklen Steingräber von Winnetous Schwester Nscho-tschi und Winnetous Vater Intschu-tschuna. Nostalgisch veranlagte Fans haben an denselben Stellen weißgraue Felsbrocken angehäuft. Das Gras an diesem Ort ist heute deutlich höher als in den Karl-May-Filmen. Vorsicht! Hier könnten Schlangen ihr Unwesen treiben!

Die einstigen Filmgräber von Winnetous Schwester und Vater, Kroatien © Dirk Brüderle

Die einstigen Filmgräber von Winnetous Schwester und Vater, Kroatien © Dirk Brüderle

 

Plitvicer Seen

Der Nationalpark Plitvicer Seen ist die Königin unter den Sehenswürdigkeiten Kroatiens. Der größte Nationalpark des Landes, der an der Grenze zu Bosnien und Herzegowina liegt, wurde von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt und bietet 16 oberirdische Seen, die über bezaubernd schöne Wasserfälle miteinander verbunden sind. Wo Pierre Brice in „Winnetou 3“ von Banditen in einen Hinterhalt gelockt wird, tummeln sich inzwischen jedes Jahr knapp eine Million Besucher. Karl-May-Fans sind gut beraten, sich hier außerhalb der sommerlichen Hauptsaison aufzuhalten. Neben dem See Kaluderovac, der als legendärer Silbersee Verwendung fand, entdeckte hier die Produktionsfirma Rialto in den 60er Jahren noch zahlreiche weitere Karl-May-Filmlocations.

Die Plitvicer Seen, Kroatien © Dirk Brüderle

Die Plitvicer Seen, Kroatien © Dirk Brüderle

Blick aus der Schatzhöhle wie im Film "Der Schatz im Silbersee", Plitvicer Seen, Kroatien © Dirk Brüderle

Blick aus der Schatzhöhle wie im Film „Der Schatz im Silbersee”, Plitvicer Seen, Kroatien © Dirk Brüderle

 

Krka

Auch der Nationalpark Krka bietet beeindruckende Wasserfälle, die in den Karl-May-Filmen verewigt wurden. Nahe Sibenik rauscht der Karstfluss Krka auf einer Strecke von 56 Kilometern über zehn Gefälle abwärts. Zwischen den Schleier-Fällen (Roski slap) und den Hauptfällen Skradinski buk erstreckt sich die Krka in 17 Katarakten über 46 Meter Höhenunterschied. An den Schleier-Fällen gönnte sich Sam Hawkens (Ralf Wolter) in „Winnetou 1“ ein Techtelmechtel mit einer drallen Indianerin, während sich Old Shatterhand (Lex Barker) und Nscho-tschi (Marie Versini) im selben Film an denselben Fällen langsam näherkamen.

Skradinski buk, Nationalpark Krka, Kroatien © Dirk Brüderle

Skradinski buk, Nationalpark Krka, Kroatien © Dirk Brüderle

Auch der erste Teil des neuen Winnetou-Dreiteilers von RTL wurde an den Schleier-Fällen gedreht, wobei sich Old Shatterhand (Wotan Wilke Möhring) inmitten von barbusigen Indianerinnen wiederfindet und die Apachen von der Leipziger Schokolade kosten lässt. Die einzige Nackte in den alten Karl-May-Filmen war in der Artur-Brauner-Produktion „Old Shatterhand“ zu sehen. Anstelle von Dalia Lavi, die Paloma Nakama spielte, sprang die damals 16-jährige Kroatin Gordana Cosic als ihr Körperdouble in das 14 Grad kalte Wasser am Skradinski buk.

Skradinski buk, Nationalpark Krka, Kroatien © Dirk Brüderle

Skradinski buk, Nationalpark Krka, Kroatien © Dirk Brüderle

 

Fuzine (Spicunak polje)

Die Westernstadt Roswell entstand für den neuen Winnetou-RTL-Dreiteiler inmitten einer Waldschneise bei Fuzine. Die GPS-Koordinaten lauten: Breitengrad N 45 20.729 und Längengrad E 1442.351. Zu Beginn des Dreiteilers ist der Ort ein schmutziges und aus Holz errichtetes Westernstädtchen mit viel Morast und provisorischen Zelten. Bis zum dritten Teil, der mehrere Jahre später spielt, wird Roswell zwar größer und moderner, aber so idyllisch-sauber wie in den alten Karl-May-Filmen. Die Stadt ähnelt eher zeitgenössischen Vorbildern wie aus der US-Serie „Deadwood“.

Die Kulisse der Westernstadt Roswell für den RTL-Dreiteiler nahe Fuzine, Kroatien © Michael Scholten

Die Kulisse der Westernstadt Roswell für den RTL-Dreiteiler nahe Fuzine, Kroatien © Michael Scholten

Die Kulissen der Westernstadt Roswell stehen aktuell noch und sollen erneut verwendet werden, falls RTL weitere Karl-May-Filme in Auftrag gibt. Sie werden rund um die Uhr bewacht, können aber nach freundlicher Anmeldung beim Wachmann besichtigt werden. Das „historische“ Roswell aus „Winnetou 1“ heißt mit bürgerlichem Namen Dverske und liegt bei Zeveco an der Straße 59 in Richtung Kistanje/Knin, knapp zwei Kilometer hinter dem Abzweig Zecevo. Von Starigrad-Paklenica dauert die 88 Kilometer lange Fahrt circa eine Stunde. Doch die Mühe lohnt kaum: Die früheren Holzkulissen existieren nicht mehr. Nur die Eisenbahnschienen sind noch zu sehen.

Blick in den Perückenwagen von Maskenbildner Georg Korpás für den RTL-Dreiteiler, Kroatien © Michael Scholten

Blick in den Perückenwagen von Maskenbildner Georg Korpás für den RTL-Dreiteiler, Kroatien © Michael Scholten

 

Novi-Breze

Das Zeltdorf der Apachen im neuen Winnetou-RTL-Dreiteiler stand in einem prächtigen Tal bei Novi-Breze an einer unbenannten Straße. Der schöne Stück Natur hat die GPS-Koordinaten: Breitengrad N 45 10.001 und Längengrad E 1451.617. Das Produktionshotel Novi Spa Hotel & Resort in Novi Vinodolski war knapp 15 Kilometer entfernt. Setdesigner Matthias Müsse und sein Team errichteten 19 Zelte, die nach den Dreharbeiten abgebaut und zum Teil mit nach Köln genommen wurden, wo die Zeltinnenaufnahmen im Studio erfolgten.

Das Apachen-Zeltdorf für den RTL-Dreiteiler bei Novi-Breze, Kroatien © Michael Scholten

Das Apachen-Zeltdorf für den RTL-Dreiteiler bei Novi-Breze, Kroatien © Michael Scholten

Heute wirkt die Natur wieder unberührt, sogar ein paar wilde Pferde sind mit etwas Glück auf den grünen Hügeln zu sehen. Bei der Neuinterpretation der alten Romane hat sich Regisseur Philipp Stölz bewusst gegen das aus Lehm gebaute Pueblo entschieden, in dem die Apachen in „Winnetou 1“ und „Winnetou 3“ lebten. Pierre Brices Nachfolger, der Albaner Nik Xhelilaj, und sein Stamm leben in Zelten. „Wir haben die Zelte als Symbol für die nomadischen Apachen gewählt, die im Einklang mit der Natur leben“, sagt Produktionsdesigner Matthias Müsse. „Anders als die weißen Siedler hinterlassen die Indianer keine Spuren, sie roden keine Wälder und greifen nicht mit negativen Folgen in die Natur ein. Ein Pueblo, das für eine jahrelange Nutzung gebaut wird, passte nicht zu unserem Ansatz eines Naturvolkes.“

Das Apachen-Zeltdorf für den RTL-Dreiteiler bei Novi-Breze, Kroatien © Michael Scholten

Das Apachen-Zeltdorf für den RTL-Dreiteiler bei Novi-Breze, Kroatien © Michael Scholten

 

INFO:

 

Buchtipp:
Das druckfrische Buch „Kroatien – Auf den Spuren von Winnetou und Game of Thrones“, erschienen in der Schüren-Reihe „on location – Reisen zu den Orten des Films“, führt an zahlreiche Drehorte der alten und neuen Winnetou-Abenteuer, aber auch anderer Filme und Serien aus den letzten 50 Jahren, wie „Jack Holborn”, „Die rote Zora” oder auch „Game of Thrones”.

DVD & Blu-ray:
Winnetou 1-3 Collection
Neuverfilmung „Winnetou - Der Mythos lebt”

Tourtipp:
Tagestour zu den Plitvicer Seen

Verwandter Artikel:
Dubrovnik - Eine Reise nach Königsmund
Winnetou Drehorte

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.