„We don’t like changes“, verrät mir John Tiernan, Tourguide und Betreiber des Dockside Inn in Oak Bluffs, über die Bewohner von Martha’s Vineyard. Als Filmtourist höre ich das natürlich gerne, denn es nährt meine Hoffnung, möglichst viele der Drehorte wiederzuerkennen, die vor über vierzig Jahren in Steven Spielbergs Horrorstreifen „Der Weiße Hai“ (Originaltitel: Jaws) über die Kinoleinwände flimmerten. Die Insel vor der Küste Massachusetts schlüpfte darin in die Rolle des haigebeutelten Ferienorts Amity Island. Statt faul am Strand rumzuliegen, mache ich mich daher einen Tag lang auf die Suche nach den Schauplätzen.

 

Willkommen auf Amity Island

Wie die fiktive Insel aus dem Film lebt auch Martha’s Vineyard heutzutage vor allem vom Tourismus. Im Winter wohnen nur 17.000 Menschen auf der Insel, im Sommer sind es 165.000. Es gibt 1.200 Hotelzimmer und unzählige Ferienwohnsitze. Die Hauptsaison dauert vom Memorial Day Ende Mai bis zum Labour Day Anfang September.

Leuchtturm in Edgartown, Martha’s Vineyard © Andrea David

Martha’s Vineyard dient außerdem vielen Stars und Politikern als Rückzugsort, da man die Celebrities hier einfach in Ruhe lässt. Lady Di verbrachte hier zwei Wochen nach ihrer Scheidung. Dan Aykroyd und Bill Murray haben auf der Insel ihren Sommerwohnsitz. Meg Ryan lebt auf der kleinen Insel Chappaquiddick, die durch eine kleine Fährlinie mit der Hauptinsel verbunden ist. John Belushi wollte sogar hier beerdigt werden, da er nach eigenen Worten in seinem Leben nur hier gut geschlafen hat. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Able’s Hill Cemetery.

Villa auf Martha’s Vineyard © Andrea David

John Belushi’s letzte Ruhestätte auf dem Able’s Hill Cemetery, Martha’s Vineyard © Andrea David

Bei Prominenten äußerst beliebt ist auch die Nachbarinsel Nantucket, die allerdings weniger durch einen Weißen Hai als einen Wal Berühmtheit erlangte. 1852 wurde sie in Herman Melvilles Moby-Dick literarisch verewigt. Und wer kennt nicht die Geschichte von Kapitän Ahab, der mit blindem Hass den weißen Pottwal jagt, der ihm einst ein Bein abgerissen hat?

Doch zurück zu den Haien und Martha’s Vineyard. Die Frage, die sich einem hier unweigerlich stellt lautet: Gibt es die Tiere hier eigentlich wirklich? John erzählt mir, dass tatsächlich hin und wieder Haie in die Nähe der Küste kommen, aber es gab in der Vergangenheit lediglich zwei Verletzte und noch nie ein Todesopfer, weshalb man im Gegensatz zum Film auch nie über eine Strandsperrung nachdenken musste. Polizeichef Martin Brody (Roy Scheider) hätte in der Realität also ein deutlich ruhigeres Leben geführt.

Auf Martha’s Vineyard keine ernstgemeinte Warnung… © Andrea David

Joseph A. Sylvia State Beach, Martha’s Vineyard © Andrea David

Der Strand, an dem „Der Weiße Hai“ die Badegäste durch einen tödlichen Angriff auf den jungen Alex Kintner in Panik versetzt, ist der erste Drehort auf meiner Liste. Es handelt sich dabei um den Joseph A. Sylvia State Beach zwischen Oak Bluffs und Edgartown. Gleich daneben befindet sich die American Legion Memorial Bridge, auch „Jaws Bridge“ genannt, unter der der Hai in einer späteren Szene zur angeblich sicheren Bucht Sengekontacket Pond schwimmt. Während die Brücke 2011 durch eine neue ersetzt wurde, sind die großen Steine, über die Brody eilt, um seinem Sohn Michael (Chris Rebello) in der Bucht zu helfen, immer noch dieselben.

Filmszene am Joseph A. Sylvia State Beach, Martha’s Vineyard © Andrea David

Filmszene am Joseph A. Sylvia State Beach, Martha’s Vineyard © Andrea David

Filmszene am Joseph A. Sylvia State Beach, Martha’s Vineyard © Andrea David

Joseph A. Sylvia State Beach, Martha’s Vineyard © Andrea David

Filmszene am Joseph A. Sylvia State Beach, Martha’s Vineyard © Andrea David

„Jaws Bridge” am Joseph A. Sylvia State Beach, Martha’s Vineyard © Andrea David

Filmszene am Joseph A. Sylvia State Beach, Martha’s Vineyard © Andrea David

 

Zu Besuch in Edgartown - Alex Kintner lebt!

Mit meinem nächsten Stopp in Edgartown bin ich schließlich vollends auf Amity Island angekommen. Da ist beispielsweise die Main Street, auf der im Film die Parade zum 4. Juli stattfindet, der holzverschindelte Laden, in dem Brody das Material für die „Strand geschlossen“-Schilder besorgt, und das Rathaus, in dem es zu heftigen Diskussionen um den „Problemhai“, dessen Existenz von einigen Hotelbesitzern stark angezweifelt wird, kommt. Schaut man sich die Häuser hier an, scheint die Zeit wirklich stehengeblieben zu sein.

Filmszene in der Main Street in Edgartown, Martha’s Vineyard © Andrea David

Lediglich die Marina, an der man im Film feierlich den gesuchten Hai präsentierte, wie wir wissen allerdings der falsche, hat ein neues Hauptgebäude bekommen. Was mich besonders erstaunt, ist die Tatsache, dass sogar die kleine Fähre, die Chappaquiddick Island Ferry noch immer verkehrt. Sie befördert Fußgänger, Fahrradfahrer und maximal drei Fahrzeuge vom Edgartown Memorial Wharf nach Chappaquidick. Einen Fahrplan gibt es nicht. Sie fährt sobald es sich lohnt, also immer „on time“. Im Film nutzt Brody die Fähre gemeinsam mit dem Bürgermeister, der von harmlosen Bootsunfällen spricht… Übrigens spielt Chappaquiddick eine Rolle im gleichnamigen Kinofilm, der die Geschichte um den hier 1969 geschehenen, mysteriösen Autounfall von Ted Kennedy thematisiert.

Filmszene an der Prime Marina in Edgartown, Martha’s Vineyard © Andrea David

Filmszene an der Prime Marina in Edgartown, Martha’s Vineyard © Andrea David

Chappaquiddick Fähre ab Edgartown, Martha’s Vineyard © Andrea David

Edgartown Memorial Wharf, Martha’s Vineyard © Andrea David

Filmszene am Edgartown Memorial Wharf, Martha’s Vineyard © Andrea David

Eine noch größere Überraschung in Edgartown ist für mich ein Treffen mit Alex Kintner, der in Wahrheit Jeffrey Voorhees heißt und im Seafood Restaurant „The Wharf“ arbeitet. Er ist in „Der Weiße Hai“ zwar nur kurz auf der Luftmatratze paddelnd als hilfloses Haiopfer zu sehen, die Plakate mit der Aufschrift „Wanted – The shark that killed Alex Kintner“ machten seine Rolle in dem Sommer-Blockbuster jedoch umso bekannter. Was ihn damals überzeugt hat, in diese Rolle zu schlüpfen, frage ich ihn. Da grinst er schelmisch und sagt: „140 Dollar pro Tag. Das war für einen 12-jährigen sehr viel Geld.“

Treff mit „Alex Kintner” in Edgartown, Martha’s Vineyard © Andrea David

Gerne hätte er auch in der Fortsetzung des Filmes mitgespielt, doch man fürchtete das Kinopublikum könnte ihn als den bereits filmtoten Alex Kintner erkennen. Die Statisten für die Filme fand man alle auf der Insel und es freut mich zu hören: Die Frau die Alex‘ trauernde Filmmutter spielte, ist ebenfalls wohlauf. Jeffrey empfindet den anhaltenden Hype um seine verkörperte Figur zwar etwas seltsam, stören tut es ihn allerdings auch nicht und so darf der Restaurantbetreiber per Foto und Schild auf seinen zumindest unter Jaws-Fans prominenten Angestellten hinweisen.

 

Quints Zuhause in Menemsha und ein versetzter Leuchtturm

Ein Ort, der auf meiner Drehorttour natürlich auf keinen Fall fehlen darf, ist der Hafen, von dem aus Brody zusammen mit dem erfahrenen Haijäger Quint (Robert Shaw) und Meeresbiologe Matt Hooper (Richard Dreyfuss) aufbricht, um dem Weißen Hai endgültig den Kampf anzusagen: Menemsha. Quint’s Hütte wurde dort eigens vom Produktionsteam am Hafen zwischen dem General Store und dem Galley Restaurant errichtet, musste jedoch aufgrund der strengen Bauvorschriften auf Martha’s Vineyard nach dem Dreh wieder abgerissen werden. Von einem kleinen Hügel aus, kann man erkennen, dass die übrigen Hütten, an denen die Orca mit ihrer kleinen Besatzung vorbeifuhr, alle noch stehen.

An dieser Stelle stand Quint’s Hütte in Menemsha, Martha’s Vineyard © Andrea David

Filmszene in Menemsha, Martha’s Vineyard © Andrea David

Filmszene in Menemsha, Martha’s Vineyard © Andrea David

Auf der anderen Seite des Fischereihafens statte ich dem Fish Market von Stanley Larsen einen Besuch ab. Während ich an einem kleinen Becher Fischsuppe nippe, den Stanley mir in die Hand drückt, erzählt er mir etwas wehmütig, wie er einst in den 80ern selbst einen Hai gefangen hat, was heute freilich verboten ist. Doch ein paar alte Fotos, auf dem Boden des Ladens aufgereiht, zeugen noch von dieser vergangenen Zeit. Darauf sieht man Stanley mit drei weiteren Männern stolz neben einem toten Hai posieren. Bräuchte man heute plötzlich einen Quint, der es mit einem gefräßigen Weißen Hai aufnimmt, wäre man bei Stanley sicher an der richtigen Stelle.

Fischereihafen Menemsha, Martha’s Vineyard © Andrea David

Bilder in Stanley Larsen’s Fish Market, Menemsha, Martha’s Vineyard © Andrea David

Frisch gestärkt ist mein letztes Ziel der Gay Head Leuchtturm bei Aquinnah im Südwesten der Insel. Hier stand im Film das Amity Island Schild, über dessen kreative Bemalung sich der Bürgermeister mächtig aufregt und gleichzeitig mit Brody debattiert, dass er in der Hochsaison beim besten Willen nicht die Strände sperren kann. Wer kurz davor den Film gesehen hat, bemerkt, auch hier hat sich kaum etwas verändert, sogar das Toilettenhäuschen steht immer noch an derselben Stelle. Doch eine notwendige Veränderung gab es: Das Gay Head Lighthouse musste 2015 aufgrund fortwährender Erosion der Küste um 80 Fuß versetzt werden.

Gay Head Leuchtturm bei Aquinnah, Martha’s Vineyard © Andrea David

Filmszene am Gay Head Leuchtturm, Martha’s Vineyard © Andrea David

Kleiner Tipp: Von der Straße, die am Leuchtturm vorbeiführt, biegt gegenüber von den Parkplätzen ein kleiner Weg über eine Treppe zu ein paar Souvenirläden ein. Gleich im ersten Laden auf der rechten Seite bekommt man ein großes Replikat des Amity Island Schildes in Originalgröße zu sehen. Bürgermeister Vaughn (Murray Hamilton) würde bei dem Anblick mit Sicherheit schon wieder nervös…

Amity Island Replika am Gay Head Leuchtturm, Martha’s Vineyard © Andrea David

 

Das Vermächtnis des Weißen Hais

Am Ende meiner Tour bin ich mit meinen Entdeckungen mehr als zufrieden. Die Drehorte aus dem Film von 1975 erscheinen fast überall so, als wäre das Filmteam gerade erst abgereist. Trotzdem verzichtet man auf Martha’s Vineyard auf übermäßiges „Jaws“-Merchandising, was auf dieser beschaulichen Insel wohl eher stören würde. Wer den Film vor Ort schauen möchte, muss aber nicht in die Röhre schauen: jeden Freitag wird „Der Weiße Hai“ im Sommer im Kino The Capawock Theatre in Vineyard Haven gezeigt. Und wer gerne etwas mehr Jaws-Rummel hätte, wartet einfach bis zum nächsten großen Jubiläumsfest, wenn sich ein paar Tage im Jahr hier alles nur noch um den Film dreht.

The Capawock, Vineyard Haven, Martha’s Vineyard © Andrea David

Jaws-Buch im Hob Knob Inn, Edgartown, Martha’s Vineyard © Andrea David

Abends entdecke ich in der Bibliothek meiner Unterkunft in Edgartown, dem bezaubernden Hob Knob Inn, ein großes Buch mit der Aufschrift Jaws: Memories from Martha’s Vineyard, welches umfangreiche Hintergrundinfos zur Produktion umfasst. Während ich so darin blättere, denke ich mir, John hatte schon Recht als er meinte, auf den ersten Blick mag es hier nicht so erscheinen, „but the Jaws phenomenon is still alive.“

 

Anreise:
Fähre von Woods Hole nach Martha’s Vineyard
Fähre von Nantucket und Hyannis nach Martha’s Vineyard
Tagesausflug nach Martha’s Vineyard ab Boston

Fähre von Woods Hole nach Martha’s Vineyard

Hoteltipps:
Hob Knob, Edgartown (großartiges Frühstück und wunderschöne Veranda)
Weitere Hotels in Edgartown

Veranda des Hob Knob Inn, Edgartown

Restauranttipp: The Wharf in Edgartown (hier arbeitet „Alex Kintner”)

Buchtipp: Jaws: Memories from Martha’s Vineyard

DVD & Blu-ray: „Der Weiße Hai” bei Amazon bestellen oder streamen

Verwandter Artikel: Boston für Filmfans

 

Offenlegung: Meine Recherchereise nach Martha’s Vineyard wurde teilweise von Massachusetts Tourism unterstützt.

Über den Autor

Andrea David

Ich liebe Filme und Reisen und leidenschaftlich gerne verbinde ich das eine mit dem anderen. Seit über 12 Jahren reise ich auf den Spuren sehenswerter Filmschauplätze auf der ganzen Welt und teile hier Infos über die Drehorte alter und neuer Streifen. Mehr

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4 Responses

  1. Markus

    Hey Andrea, toller Bericht! Finde es jedesmal wieder klasse wie super die Bilder passen!

    Viele Grüße

    Markus

    Antworten
  2. Franz

    Wahnsinn, vielen Wand für den tollen Bericht. Ich habe einige Bücher (auch das dort beim letzten Foto auf dem tisch liegt) über Jaws und liebe den Film.

    Hast du nie daran gedacht, aus dieser Webseite n Buch zu machen? Mit Fotos und Texten, würde sich super eignen und wäre meines Wissens einzigartig.

    liebe Grüße
    Franz

    Antworten
    • Andrea David
      Andrea David

      Danke für die nette Rückmeldung! Doch, habe schon öfter darüber nachgedacht. Aktuell fehlt mir noch die Zeit, aber das kommt sicher irgendwann. :-)

      LG Andrea

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