„Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte” ist eine düstere Schwarz-Weiß-Erzählung des österreichischen Regisseurs Michael Hanecke. Der Film spielt in einem kleinen, norddeutschen Dorf um 1913, in dem es immer wieder zu verstörenden Vorkommnissen kommt. Ein Kind wird entführt, der Gemeindearzt samt Pferd zu Fall gebracht und eine Bäuerin stirbt bei einem fragwürdigen Arbeitsunfall. Zwischen protestantischen Erziehungsmethoden, aufständischen Bauern und rebellischen Kindern, versucht ein junger Dorflehrer den Vorkommnissen auf den Grund zu gehen.

Der hauptsächlich von X-Film finanzierte Film wurde komplett in Deutschland gedreht und 2010 für zwei Oscars nominiert, für den besten fremdsprachigen Film und für beste Kamera. Handlungsort der gesamten Geschichte ist das fiktive Dorf Eichwald in Ostelbien, dessen genauer Standort im Film nie genannt wird. Einen idealen Drehort dafür zu finden entpuppte sich als schwieriges Unterfangen für das damalige Filmteam, denn die gesuchte Location sollte möglichst wenig Einflüsse der modernen Welt aufweisen. Nach wochenlanger Motivsuche fiel die Entscheidung auf das Dorf Netzow, Teil der Gemeinde Plattenburg, inmitten der brandenburgischen Prignitz.

Netzow, Brandenburg © Matze Gebauer

Der Ort liegt weit entfernt von Bundesstraßen oder dem nächsten Supermarkt. Umringt von Ackerflächen und Wäldern, herrscht hier absolute Stille. Dies fällt mir als erstes auf, als ich an einem Samstagmittag aus meinem Auto steige, welches ich am Ortseingangsschild geparkt habe. Von diesem sind es etwa 200 Meter bis zum Ortskern. Die Kirche sehe ich schon von Weitem und erkenne auch sofort ein Szenenbild aus dem Film.

Netzow, Brandenburg © Matze Gebauer

Szene aus „Das weiße Band” in Netzow, Brandenburg © Matze Gebauer / X Verleih

Szene aus „Das weiße Band” in Netzow, Brandenburg © Matze Gebauer / X Verleih

Kurz vor der Kirche bleibe ich stehen und ziehe meine ausgedruckten Filmszenen aus dem Rucksack. Ohne Zweifel: Der Ort vor mir diente als Kulisse für Eichwald aus „Das weiße Band”. Während ich Fotos mache, um das ideale Licht der Mittagssonne zu nutzen, kommt eine ältere Frau aus ihrem Haus und fragt mich, ob ich mich verfahren hätte. Nachdem ich ihr vom Anlass meines Besuchs erzähle, kommen wir ein wenig ins Plaudern über die Dreharbeiten des Films. „Das war schon aufregend“, sagt sie. „Ich hatte gar keine Ahnung, wie viele Leute an so einem Film arbeiten. Die hatten das ganze Dorf mit Zaun umzogen und überall Hühner oder Schafe laufen lassen. In der Sommerhitze roch es hier dann manchmal wie im Zoo. Das war nicht so schön.”

Szene aus „Das weiße Band” in Netzow, Brandenburg © Matze Gebauer / X Verleih

Szene aus „Das weiße Band” in Netzow, Brandenburg © Matze Gebauer / X Verleih

Bei unserem Gespräch höre ich mehrfach heraus: Die Einwohner von Netzow hatten es nicht immer leicht während der Dreharbeiten. Besonders wütend war man über die Tatsache, dass die geplante Asphaltierung der Kopfsteinpflasterstraße verschoben wurde. Lange hatte man in Netzow auf die Freigabe des Landkreises gewartet und im Frühjahr 2008 standen die Bagger bereit. Dann wurde aufgrund des Filmdrehs ein Baustopp erzwungen. Die Anwohner waren dementsprechend genervt. „Aber wir haben es mit einem weinenden und einem lachenden Auge gesehen. Wann passiert es schon einmal, dass das Haus in dem man wohnt, in einem Film zu sehen ist?” fährt die Frau fort, bevor sie sich zum Mittagschlaf verabschiedet.

Szene aus „Das weiße Band” in Netzow, Brandenburg © Matze Gebauer / X Verleih

So anstrengend und einschränkend die Dreharbeiten für die Anwohner von Netzow auch waren, heute ist man stolz darauf, dass ein solch wichtiger Film hier gedreht wurde. Das erkennt man nicht zuletzt daran, dass vor der Dorfkirche eine Erinnerungstafel steht, auf dem X-Film allen Dorfbewohnern für großartige Unterstützung dankt.

Erinnerung an den Filmdreh in Netzow, Brandenburg © Matze Gebauer

Ich ziehe weiter durch den Ort und bleibe vor dem heutigen Jugendclubhaus stehen. Im Film stellt dieses die Dorfschule dar. Das Wohnhaus des Arztes, an welchem der Film beginnt, gibt es in Wirklichkeit nicht. Es wurde nur für die Dreharbeiten errichtet. Auf den Feldern rund um Netzow wurde auch gedreht, hier entstanden unter anderem die Aufnahmen der Erntearbeiten auf dem Weizenfeld, aber auch die Kutschfahrt des Lehrers (Christian Friedel).

Szene aus „Das weiße Band” in Netzow, Brandenburg © Matze Gebauer / X Verleih

Die Aufnahmen des Sägewerkes, in welchem die Frau des Bauern (Branko Samarovski) den Arbeitsunfall erleidet, entstanden in einem heute leerstehenden Schreinerbetrieb in Zechlinerhütte, ebenfalls in der Nähe von Netzow.

Nach etwa einer Stunde habe ich alle Bilder im Kasten und steige wieder in mein Auto. Da es ein sehr heißer Tag ist, fahre ich über die A24 auf dem schnellsten Wege Richtung Meer. Bevor ich das kühle Nass erreiche, besuche ich jedoch noch einen zweiten wichtigen Drehort aus dem Film. Denn einen knappen Kilometer vor der Ostseeküste, in der Gemeinde Dassow nahe Lübeck, steht das verlassene Schloss Johannstorf, welches im Film das Gutshaus des Barons (Ulrich Tukur) darstellt.

Szene aus „Das weiße Band” in Johannstorf, Mecklenburg-Vorpommern © Matze Gebauer / X Verleih

Szene aus „Das weiße Band” in Johannstorf, Mecklenburg-Vorpommern © Matze Gebauer / X Verleih

Für die Dreharbeiten wurde hinter dem Wasserschloss die Kulisse einer Schlossmauer errichtet sowie Kohl gepflanzt. Dieser wird im Film vom Sohn des Bauern (Sebastian Hülk) mit einer Sense abgehackt, während das gesamte Dorf sich beim Erntefest versammelt hat. Die Szenen des Erntefestes wiederum entstanden auf dem Vorhof des Schlosses, welcher von zwei alten Stallanlagen umgeben ist. Die Stirnseiten dieser Stallanlagen wurden für den Film von den Kulissenbauern um mehrere Fenster und eine Haustür erweitert. Im Film stellt diese Fassade das Wohnhaus des Verwalters dar.

Johannstorf, Mecklenburg-Vorpommern © Matze Gebauer

Szene aus „Das weiße Band” in Johannstorf, Mecklenburg-Vorpommern © Matze Gebauer / X Verleih

Heute ist der gesamte Gutshof mit Bäumen und Sträuchern zugewachsen. Nur eine kleine Fahrspur führt zwischen den Pflanzen noch zum Haus. Seit 1991 steht das Gebäude leer und dem Eigentümer fehlt das Geld zur Sanierung. Regisseur Michael Hanecke entschied sich für das Gutshaus als Drehort, da es im Originalzustand erhalten, weder eine Ruine, noch komplett renoviert ist. Das Gebäude selbst wurde 1743 errichtet.

In Mecklenburg-Vorpommern sorgte der Film für besonderes Aufsehen, denn zum zweiten Mal nach Roman Polanskis „Der Ghostwriter” schaffte es eine große, internationale Filmproduktion ins Bundesland. „Und weil wir stolz darauf sind, haben wir jetzt eine Infotafel aufgestellt”, erzählt mir eine Anwohnerin von Dassow, welche ich an der Straße treffe. Sie zeigt mir die Tafel, welche direkt vor der Einfahrt des Gutshofes steht. Darauf sind alte Bilder des Schlosses und eine kurze Übersicht zu dessen Geschichte. Im letzten Satz heißt es: „Im Jahr 2008 wurde auf dem Gut der preisgekrönte Film DAS WEIßE BAND gedreht.”

 

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