Nichts ahnend, was mich erwartet, fahre ich die kurvige Landstraße entlang. Rechts und links sausen dunkelbewaldete Berge mit etwas Schnee auf den Spitzen an mir vorbei. Neben mir liegen ein paar Szenenfotos aus dem Film. Zur Einstimmung klingt der Soundtrack „Home Coming” von Jerry Goldsmith aus den Boxen. Wie wird es sein, an einen Ort zu kommen, den ich schon vor über 20 Jahren auf dem Bildschirm gesehen habe? Über den ich sonst aber rein gar nichts weiß?

Auf dem Weg nach Hope B.C. © Andrea David

Ich kann zwar überhaupt nicht mehr sagen, wann genau ich „Rambo” (1982) zum ersten Mal gesehen habe, wohl irgendwann Mitte der 90er? Doch ich weiß noch gut, dass mir der Film damals sehr nahe ging. Da wird einem Kriegsveteranen das Leben in der Heimat schwer gemacht, er wird als Landstreicher abgestempelt und gedemütigt bis er sich wehrt und das ganze schließlich eskaliert. Heute ist Rambo in Deutschland und vielen anderen Ländern zur Kultfigur geworden.

Der Begriff „Rambo” hat es aufgrund des Filmhelden sogar in den Duden geschafft, als umgangsprachliche Bezeichnung für einen brutalen Kraftprotz. Was auf Rambos Charakter in den Fortsetzungsfilmen vielleicht passen mag, finde ich für den ersten Teil überhaupt nicht zutreffend. Statt einer gefühllosen One-Man-Army sehe ich da einen enttäuschten und verzweifelten John Rambo, der am Ende aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse in Tränen ausbricht.

Ankunft am „Rambo”-Drehort Hope B.C. © Andrea David

Bei meiner Ankunft in Hope, das im Film natürlich nicht im kanadischen British Columbia sondern irgendwo im benachbarten US-Staat Washington angesiedelt ist, erblicke ich dann als allererstes einen Holzstamm mit der Aufschrift „Gateway to Holidayland”. Und ja, es ist exakt das Willkommensschild, unter dem Sylvester Stallone als Rambo zum ersten Mal in die Kleinstadt spaziert, im Grunde nur, weil er dort etwas essen möchte. Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Stück Holz die Zeit überdauert hat. Heute liegt es wie ein Relikt aus der Vergangenheit vor dem Polizeirevier, in das künftig das Visitor Centre & Museum einziehen wird.

Polizeirevier, Hope B.C. © Andrea David

Weiter geht es durch die Straßen der Stadt, in denen ich tatsächlich noch so einige Déjà-vus erleben sollte. Denn an vielen Ecken liegt jene melancholische Stimmung in der Luft, wie ich sie auch aus dem Film in Erinnerung habe. Die Kälte sowie die leicht schneebedeckten Berge ringsum tragen einen wichtigen Teil dazu bei.

In der Tourist-Info von Hope B.C. treffe ich schließlich auf Brian McKinney, der sich für mich als absoluter Glücksgriff erweist. Denn kaum ein anderer hätte mir so viel Hintergründiges zu den Dreharbeiten und Drehorten berichten können als er. Schließlich stand er mit 11 Jahren selbst am Set, als in Hope im November und Dezember 1981 für „Rambo” gedreht wurde. Stolz zeigt er mir ein Replikat des Rambo-Filmmessers, das Original-Drehbuch von „First Blood”, wie der Film im Original heißt, sowie alte Aufnahmen und Zeitungsartikel zu den damaligen Dreharbeiten.

Treff mit Brian im Visitor Centre, Hope B.C. © Andrea David

Replikat des „Rambo”-Messers, Hope B.C. © Andrea David

Zeitungsartikel zum Filmdreh in Hope B.C. © Andrea David

Laut Brian hat „Rambo” in den 80ern nicht nur das Filmbusiness in Hope angestoßen, sondern genau genommen auch den Startschuss für Vancouver und Umgebung als das heutige „Hollywood North” gegeben. Viele Leute, die damals an der Produktion beteiligt waren, sind im Filmgeschäft geblieben und haben andere wiederum mit ihrer Begeisterung angesteckt.

35th „First Blood” Anniversary, Hope B.C. © Andrea David

„Rambo”-Souvenir, Hope B.C. © Andrea David

Einige Gebäude, wie die Tankstelle, der Waffenladen und auch das Sheriff-Büro, erfahre ich von Brian, wurden überhaupt nur für den Film aufgebaut, damit Rambo sie wieder zerstören konnte. Für den Dreh wurden auch einige Billboards aufgestellt, um das Kamera-Equipment zu verstecken. Brian hätte große Lust, die Stadt wieder mehr dem Erscheinungsbild aus dem Film anzupassen. Schließlich kommen jährlich immer noch etwa 15.000 Rambo-Touristen nach Hope!

Als wir auf die ikonische Brücke zu sprechen kommen, über die Sheriff Teasle Rambo aus der Stadt befördert hat, wird Brians Miene plötzlich ernst. Er erzählt mir von den Versuchen die Kawkawa-Brücke für die Nachwelt zu erhalten, Unterschriftenaktionen von Einwohnern und Filmfans sowie langen Diskussionen mit den Verantwortlichen der Stadt. Trotzdem wurde das Bauwerk 2011 abgerissen. Der Hauptgrund dafür war, dass das Holz der Brücke mit dem für die Umwelt problematischen Kreosot behandelt wurde.

Die Kawkawa-Brücke in „Rambo”, Hope B.C. © Carolco Pictures

Eine zeitlang stand sogar im Raum, dass die Brücke im Planet Hollywood Resort in Las Vegas ein neues Zuhause finden sollte. Sylvester Stallones Managerin nahm dazu Kontakt mit der Stadt Hope auf. Doch das Kreosot machte auch dieser Idee einen Strich durch die Rechnung und das einzige, was heute noch von der Rambo-Brücke übrig ist, ist ein Regalfach mit kleinen Holzstückchen, die, in einer Patronenhülse eingefasst, als Fansouvenir verkauft werden.

„Rambo”-Souvenir, Hope B.C. © Andrea David

Bevor ich mich aufmache, weitere Rambo-Drehorte ausfindig zu machen, hat Brian noch eine kleine Überraschung parat. In einem Lagerraum bekomme ich das Originalschild des Sheriff-Büros zu sehen. Im Prinzip wartet es hier nur darauf, bald einen Platz in einer Ausstellung zum Film neben einigen anderen Requisiten und Erinnerungsstücken zu bekommen. Den Aufsteller vor der Touristinfo nutze ich noch schnell für ein eigenes fotografisches Erinnerungsstück.

Sheriff-Schild aus „Rambo”, Hope B.C. © Andrea David

„Rambo”-Erinnerungsfoto, Hope B.C. © Andrea David

An der Kreuzung Wallace Street / Third Avenue stand das Sheriff-Büro. Heute ist hier das Rathaus von Hope. Gleich gegenüber befindet sich das Windsor Motel, in dem ich heute nächtigen werde. Im Film ist es sogar kurz im Hintergrund zu sehen, als sich Rambo für seine Flucht mitten auf der Straße ein Motorrad schnappt. Auf der anderen Straßenseite steht das Schild des Midtown Shopping Plaza auch nach 35 Jahren noch völlig unverändert! Lediglich die Namen der Läden, deren Schaufenster Rambo im Film demoliert, haben sich hier und da geändert.

Filmszene Ecke Wallace Street / Third Avenue, Hope B.C. © Andrea David

Rathaus, Hope B.C. © Andrea David

Windsor Motel, Hope B.C. © Andrea David

Nach 35 Jahren unverändert: Midtown Shopping Plaza, Hope B.C. © Andrea David

In der Wallace Street befindet sich übrigens auch das Hope Cinema, das dienstags und am Wochenende geöffnet hat. Als Sylvester Stallone zum Rambo-Dreh in der Stadt war, schaute er sich hier die Dailies und schließlich auch den Final Cut zu „Rocky III” an. Wie es heißt, saß Sly zur Freigabe des Films ganz alleine im Kinosaal.

Kino in Hope B.C. © Andrea David

Der Third Avenue weiter Richtung Süden folgend komme ich an den Bahnübergang der Canadian National Railway. Rambo schanzt hier mit dem Motorrad über die Gleise, immer noch von der Polizei verfolgt. Eine weitere Motorradszene wurde an der Ecke Hudson Bay Street / Fifth Avenue gedreht. Die Stelle kann ich vor allem anhand der Bäume leicht wiedererkennen. Die Chevron-Tankstelle, über die er quer davonbraust, gibt es ebenfalls noch. Ganz in der Nähe an der Water Avenue befindet sich die Ecke, an der der Sheriff Rambo aufgabelt und „netterweise” aus der Stadt fährt.

Filmszene am Bahnübergang, Hope B.C. © Andrea David

Hudson Bay Street, Hope B.C. © Andrea David

Chevron Tankstelle, Hope B.C. © Andrea David

Water Avenue, Hope B.C. © Andrea David

Natürlich fahre ich auch zum Coquihalla River, wo der Sheriff ihn schließlich aussteigen lässt und noch den Tipp mit gibt, dass er sich mal rasieren und waschen soll. Rambo marschiert daraufhin wieder Richtung Hope, worauf er festgenommen wird. Hier führte also bis vor ein paar Jahren noch die Kawkawa-Brücke über den Fluss. Nur ein paar Meter versetzt befindet sich heute eine wesentlich breitere Brücke. Wirklich schade, dass die Rambo-Brücke nicht mehr da ist. Doch ich bin insgesamt positiv überrascht, wie sich die Rambo-Atmosphäre hier trotz einiger Veränderungen immer noch hält.

Neue Brücke über den Coquihalla River, Hope B.C. © Andrea David

Filmszene aus „Rambo” am Coquihalla River, Hope B.C. © Andrea David

Filmszene aus „Rambo” am Coquihalla River, Hope B.C. © Andrea David

Meine Pläne, den Coquihalla Canyon Provincial Park zu besuchen, muss ich allerdings verwerfen. Der Canyon, der in „Rambo” vor allem in den Hubschrauberszenen zu sehen ist und auch schon als Drehort für den Thriller „Mörderischer Vorsprung” diente, ist zwar nur 15 Minuten von Hope entfernt, jedoch leider noch nicht geöffnet, da sich in den Othello Tunnels immer noch riesige Eiszapfen lösen können.

Abends bin ich mit Brian noch zu einem „Rambo Burger” im Silver Chalice Pub im Nachbarort Silver Creek verabredet. Wir reden über Sylvester Stallone, Filme und Fans. Darüber, wie sich Orte über Jahrzehnte zu popkulturellen Stätten entwickeln, und dass dabei ungeheuer viel Nostalgie mitschwingt. Über die Sehnsucht nach Schauplätzen fiktiver Geschichten. Brian bringt seine Einstellung dazu mit einem Satz auf den Punkt: „If this is what the world wants just give it to them!”

Als ich die Stadt am nächsten Tag verlasse, wieder mit „Home Coming” im Ohr, wird mir eines klar: Zeitreisen sind möglich! Wenn man sich darauf einlässt.

 

INFO:

35th Anniversary
Tipp für alle Rambo-Nostalgiker: Am 7. Oktober 2017 wird in Hope B.C. das 35-jährige Film-Jubiläum mit Fans aus der ganzen Welt gefeiert!

Anreise:
Am einfachsten erreicht man Hope über die südliche Route des Trans-Canada Highways von Vancouver aus. Für die Fahrzeit sollte man etwa 1:45 h einplanen. Von Seattle aus sind es etwa 3 Stunden Fahrt.

Weitere Infos:
Rambo Movie Map Hope B.C.
Hope Cinema
Filmliste Hope B.C.
Coquihalla Canyon Provincial Park

Hoteltipp: Windsor Motel, Hope B.C.

DVD & Blu-ray: „Rambo” auf Amazon kaufen oder streamen

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Laufend aktuelle Infos zu spannenden Drehorten neuer Streifen und alter Klassiker gibt es übrigens im Filmtourismus-Newsletter sowie auf Facebook und Instagram.

Offenlegung: Die Recherchereise nach Hope wurde unterstützt von Destination British Columbia.

5 Responses

  1. Dale

    Sehr toller Artikel mit Hammer Bildern… Ich war selbst im September 2016 in Hope… und habe den ein oder anderen Schauplatz besucht. Beim Betrachten der Fotos hatte ich gerade Gänsehaut… und die Gewissheit… da muss ich nochmal hin und mir den Rest anschauen… Danke!

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