Ein Sommertag am Balaton. Es herrscht Hochsaison. Die Leute sonnen sich im Ufergras oder auf Luftmatratzen im Wasser, einige baden oder spielen Federball. Im Hintergrund fährt einer auf einem Tretboot gemächlich über den See. Plötzlich unterbricht ein lautes „Cut!” die fröhliche Urlaubsszenerie. Was eben noch echt erschien, ist nun wieder schlagartig der Realität eines geschäftigen Filmsets gewichen.

Filmset "Honigfrauen", Balaton, Ungarn © Andrea David

Filmset „Honigfrauen”, Balaton, Ungarn © Andrea David

Seit Ende Juli dreht die Seven Dogs Filmproduktion in Budapest und am Plattensee für den neuen ZDF-Dreiteiler „Honigfrauen”, in dem die Sehnsucht nach Freiheit zwei Schwestern (Sonja Gerhardt und Cornelia Gröschel) aus Erfurt zu einer Urlaubsreise nach Ungarn bewegt. Die Geschichte spielt im Jahr 1986, als der Balaton nicht einfach nur Reiseziel, sondern sozusagen deutsch-deutscher Treffpunkt war, an dem man für ein paar Urlaubswochen die deutsche Einheit gelebt hat. Dass man vor der Wende auch hier unter Beobachtung der sogenannten „Balaton-Brigade” stand, ist den Mädchen im Film nicht bewusst. Die Eltern (Anja Kling und Götz Schubert) reisen ihnen besorgt hinterher, woraus sich eine Familiengeschichte mit vielen Hoffnungen und Enttäuschungen ergibt.

Catrin Streesemann (Cornelia Gröschel) und Maja Streesemann (Sonja Gerhardt) in "Honigfrauen" © Leo Pinter / ZDF

Catrin Streesemann (Cornelia Gröschel) und Maja Streesemann (Sonja Gerhardt) in „Honigfrauen” © Leo Pinter / ZDF

Das Filmset, auf dem ich heute Zaungast sein darf, ist ein eigens kreierter 80er-Jahre-Campingplatz auf einer für die Drehzeit angemieteten Wiese des Napsugár Kemping in Fonyód. Im Film landen die Mädchen hier aufgrund ihres knappen Reisebudgets. Man hat einen wunderbaren Blick auf den ungarischen Tafelberg Badacsony am Nordufer und nur ein paar Meter weiter tummeln sich die echten Urlauber, die jedoch ahnungslos über das nachbarliche Treiben scheinen. Dabei sind eigentlich schon die Farben der Zelte verräterisch, sind diese orange-beigen Modelle doch schon lange nicht mehr en vogue.

Balaton, Ungarn © Andrea David

Balaton, Ungarn © Andrea David

Filmset "Honigfrauen", Balaton, Ungarn © Andrea David

Filmset „Honigfrauen”, Balaton, Ungarn © Andrea David

Für das Set hat man über die Hälfte der Zelte auf ebay & Co. zusammengekauft, weitere hat die ungarische Produktionsfirma beschafft. Lediglich die Zelte, in denen auch gedreht wird, wurden extra für den Dreh angefertigt. So lässt sich das Zelt der beiden Mädchen von beiden Seiten öffnen und es kann leichter gefilmt werden. Zwischen den Zelten hängen Wäscheleinen mit bunten 80er-Jahre-Klamotten, die Statisten sind entsprechend frisiert und gekleidet. Ein Teil der Kostüme stammt aus dem Adlershofer Fundus, manche wurden extra genäht. Da die 80er auch in der aktuellen Mode durchscheinen, hat man die Kleidung für Anja Kling, die in „Honigfrauen” als Filmmutter Kirsten Streesemann zu sehen ist, bei zwei bekannten Modeketten gefunden.

Filmset "Honigfrauen", Balaton, Ungarn © Andrea David

Filmset „Honigfrauen”, Balaton, Ungarn © Andrea David

Die Trabis und Wartburgs, die auf dem Campingplatz stehen und die Zeitreise perfekt machen, stammen aus der Gegend und werden scheinbar immer noch gefahren. Besonders beeindruckt bin ich von dem nostalgischen Tretboot, der eigens installierten 80er Jahre Wippe und den vielen kleinen Spielzeugen, die ich noch aus meiner eigenen Kindheit kenne. Als Requisiten bezeichnet man übrigens nur die Dinge, mit denen die Schauspieler tatsächlich hantieren, alles andere gehört zum Setdesign. Später fällt mir auf, dass auch der Weg durch die fiktive Zeltstadt eigens für die „Honigfrauen” planiert wurde und hinter einem der Zelte abrupt endet. Producer Daniel Mann erklärt: „Nach Ende der Dreharbeiten wird hier wieder Rasen angepflanzt.”

Filmset "Honigfrauen", Balaton, Ungarn © Andrea David

Filmset „Honigfrauen”, Balaton, Ungarn © Andrea David

Filmset "Honigfrauen", Balaton, Ungarn © Andrea David

Filmset „Honigfrauen”, Balaton, Ungarn © Andrea David

Als Drehbuchautorin und Produzentin Natalie Scharf am Set ankommt, merkt man ihr deutlich an, wie sie sich über die gelungene Szenerie freut. Über die „Honigfrauen” sagt sie: „Ja klar, es ist ein Stasi-Film, aber eben einer der nach Sonnenmilch duftet.” Sie zeigt mir ein paar Fotos auf ihrem Handy. „Hier gibt es unglaublich schöne Sonnenuntergänge. Für die Mädchen im Film erscheint die Freiheit hier zum Greifen nah”.

In der Szene, die gerade gedreht wird, bauen die Schauspieler Franz Dinda und Götz Schubert gemeinsam ein Zelt auf, während sie sich über die Computerbranche unterhalten. Das klingt etwa so: „Ich glaube ja, dass in naher Zukunft jeder einen Computer zuhause haben wird.” - „Jeder? Zuhause? Eher kommt die Wende!” Anja Kling bemerkt währenddessen beim Auspacken der Koffer, dass sie beobachtet werden. Dominic Raacke spickt als vermeintlicher Stasi-Spion aus einem der gegenüberliegenden Zelte.

Filmszene aus "Honigfrauen", Balaton, Ungarn © Leo Pinter / ZDF

Filmszene aus „Honigfrauen”, Balaton, Ungarn © Leo Pinter / ZDF

Maskenbildnerin Jeanette Latzelsberger ist etwas nervös, da sich bei Anja Kling eine Strähne gelöst hat. Ob es dadurch zu einem Anschlussfehler kommt, überprüft Script Supervisor Andrea Sasse, die über die gedrehten Einstellungen Buch führt und auf die Übergänge achtet. Da gerade ein langer Güterzug am Campingplatz vorbeifährt, werden vor der nächsten Einstellung erst einmal Melonen zur Erfrischung gereicht. Regisseur Ben Verbong muss sich erst an die vielen Leute am Set gewöhnen und erklärt: „Dass das Team so groß ist, liegt daran, dass man sich in Ungarn an den Filmproduktionen der USA orientiert.” Immerhin sind über hundert Leute in die Produktion involviert, weshalb die Crew auch auf mehrere Hotels verteilt untergebracht ist.

Die Dreharbeiten in Ungarn werden noch bis Ende Oktober andauern. Die Drehorte, erfahre ich von Location Scout Antal Déberling, befinden sich fast alle rund um den Plattensee. Zusammen mit dem Produzenten, dem Regisseur und dem Production Designer fuhr er im Vorfeld etliche mögliche Schauplätze ab. Kaum ein anderer dürfte sich hier besser auskennen, denn er geht schon seit 1979 für kleine und große Produktionen in Ungarn auf Drehortsuche. Für die Szenen, die im Erfurt der 80er spielen, wurde er in Budapests Norden fündig, wo es noch viele Plattenbauten gibt.

Filmset "Honigfrauen", Balaton, Ungarn © Andrea David

Filmset „Honigfrauen”, Balaton, Ungarn © Andrea David

Insgesamt sind für den „Honigfrauen”-Dreiteiler 63 Drehtage geplant, wonach an einem Drehtag durchschnittlich etwa vier Minuten Film entstehen. Mit dem Produzenten Daniel Mann unterhalte ich mich angeregt über die Unterschiede zu US-Produktionen, die in der Regel weit mehr Drehtage zur Verfügung haben. Doch beim nächsten „Und Action..!” herrscht absolute Stille bei uns. Die Urlaubsszenerie wurde wieder angeworfen und mit Blick zum See wähne ich mich wieder in einem Campingurlaub im August, irgendwann in den 80ern, am „See der Deutschen Einheit”.

Über den Autor

Ich liebe Filme und Reisen und leidenschaftlich gerne verbinde ich das eine mit dem anderen. Seit über 10 Jahren reise ich auf den Spuren sehenswerter Filmschauplätze auf der ganzen Welt und teile hier Infos über die Drehorte alter und neuer Streifen. Mehr

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