„I’ve had the time of my life“! Mit diesen Worten lassen sich die Sommerferien 1963 im Kellerman’s Resort aus Sicht von Baby Houseman treffend zusammenfassen. Doch gibt es dieses Hotel eigentlich wirklich? Und wie sieht es heute - exakt 30 Jahre nach dem Filmstart von „Dirty Dancing“ - dort aus? Ist noch etwas übrig von der Atmosphäre der Leinwand-Romanze, in der sich Jennifer Grey und Patrick Swayze tanzend in eines der berühmtesten Paare der Filmgeschichte verwandelten? Um die Antworten darauf zu finden, habe ich mich zwischen Washington D.C. und Atlanta auf eine lange Autofahrt in die Blue Ridge Mountains begeben.

Mountain Lake Lodge, Pembroke, lautet die Eingabe ins Navi und fünf Stunden nach meiner Abfahrt in der US-Hauptstadt schlängelt sich dann endlich eine schmale Straße den bewaldeten Berg hinauf. Bei der Ankunft an der Eingangstür des Resorts und auch beim Check-in in der Lobby erkenne ich noch nichts aus dem Film wieder. An der Rezeption entdecke ich ein kleines Faltblatt mit der Aufschrift „Dirty Dancing - Self-Guided Tour“, womit der Empfangsdame eine ganze Reihe Fragen von meiner Seite erspart bleiben und meine Hoffnung auf ein paar filmisch bekannte Ecken in diesem Hotel wiederaufleben lässt. Völlig zu Recht! Denn als ich die steinerne Fassade des Haupthauses sehe, muss ich sofort an das Kellerman’s Resort denken.

Ankunft in der Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Die kleine Hütte, die ich beziehe, sieht von außen schon sehr in die Jahre gekommen aus. Doch innen ist sie tipptopp renoviert. Als ich durch das Fenster schaue, trifft mein Blick direkt auf ein weißes Häuschen mit türkisfarbenem Dach. Es ist die Hütte, in der im Film die Housemans untergebracht sind, und aus der sich Baby für ihre heimlichen nächtlichen Erkundungstouren (mit und ohne Melone) herausgeschlichen hat. Nur die Treppe scheint etwas versetzt worden zu sein. Und, ja… der See ist weg!! Ich habe bereits vor meiner Reise davon gelesen, konnte es mir aber beim besten Willen nicht vorstellen. Doch es ist wahr. Neben der „Houseman“-Hütte erstreckt sich heute ein grünes Band aus Wald und Wiese.

Zimmer in der Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Virginia Cottage, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Wie kann bitte ein ganzer See verschwinden? Ein Schild klärt mich auf. Bis 2005 war der Mountain Lake noch vollständig da, doch Risse im Boden ließen das Wasser langsam versickern, so dass er 2008 fast völlig austrocknete. In der Vergangenheit war der 6000 Jahre alte See schon öfter mal verschwunden, was immerhin die Hoffnung gibt, dass er sich auch in Zukunft wieder füllen wird. Nämlich dann, wenn sich die unterirdischen Abflüsse im Laufe der Zeit wieder durch Ablagerungen verschließen. Ein geologisches Phänomen, das regelmäßig auch Naturwissenschaftler in die Mountain Lake Lodge zieht. Wann genau der See sein Comeback feiern wird, lässt sich leider nicht vorhersagen.

Mountain „Lake”, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Ausgerüstet mit Flyer, Kamera und einigen Szenenfotos begebe ich mich auf Erkundungstour. Mein erstes Ziel ist das Virginia Cottage, die Hütte der Housemans. Auf die Veranda darf man nur, wenn die Hütte nicht vermietet ist. Glücklicherweise ist sie gerade unbewohnt. Hier stand Patrick Swayze alias Johnny, der all seinen Mut zusammennimmt, um bei Babys Papa (Jerry Orbach) an die Tür zu klopfen. Der Ort stimmt mich traurig, nicht wegen der Filmszene, sondern weil beide Schauspieler nicht mehr leben. Besonders das Schicksal Patrick Swayzes, der mit gerade mal 57 Jahren den Kampf gegen den Krebs verloren hat, schmerzt in diesem Augenblick. Nur ein paar Meter von der Hütte entfernt komme ich an einem Gedenkstein vorbei, den das Hotel hier für ihn aufgestellt hat.

Virginia Cottage, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Szene aus „Dirty Dancing”, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Szene aus „Dirty Dancing”, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Gedenkstein für Patrick Swayze, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Dort befindet sich auch der Pavillon, in dem in „Dirty Dancing“ die Tanzkurse mit Penny (Cynthia Rhodes) stattfanden und Baby ein klärendes Gespräch mit ihrem enttäuschten Vater sucht. Und wieder erscheint - bis auf den fehlenden See natürlich - alles noch unverändert. Das nahegelegene Bootshaus wirkt ohne umgebendes Wasser besonders verloren. Nicht weit vom Steg soll die berühmte Szene mit der Hebefigur im See gefilmt worden sein. Dies beansprucht allerdings auch ein anderer Drehort, Lake Lure in North Carolina, für sich. Beides ist vorstellbar, wobei die Berge hier meiner Meinung nach etwas besser passen. Die Tanzübungen auf dem Baumstamm sollen in der Nähe des Resorts bei einem kleinen Wasserfall gedreht worden sein. In alle Richtungen führen kleine Trails in die umgebende Natur.

Filmszene aus „Dirty Dancing”, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Filmszene aus „Dirty Dancing”, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Bootshaus, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Bootshaus, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Mich interessiert besonders der Bald Knob Trail. Der kleine Pfad, der oberhalb des Hotels an ein paar Gastanks startet, ist genau der Weg, den Baby bei ihrem nächtlichen Ausflug trotz des Schildes mit der Aufschrift „Staff Quarters - No Guests Please“ hinaufgeht und dabei auf Johnnys Cousin Billy (Neal Jones) trifft. Kurz darauf trägt sie (dann aber definitiv in North Carolina) eine riesige Melone die Treppe hinauf und staunt, was das Hotelpersonal um Tanzlehrer Johnny Castle für eine heiße Sohle aufs Parkett legt. Ebenfalls auf dem Bald Knob Trail gehen Baby und Johnny später in Deckung, damit sie Herr Houseman nicht zusammen entdeckt. Die Stelle befindet sich direkt oberhalb des Torbogens, durch den die beiden später im Film mit dem Auto wegfahren. Allerdings in die verkehrte Richtung.

Bald Knob Trail, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Filmszene aus „Dirty Dancing”, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Torbogen am Eingang der Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Auf dem Rückweg zu meiner Hütte entdecke ich ein kleines Häuschen, das mit vielen Filmfotos und alten Zeitungsausschnitten ganz dem hier gedrehten Kultfilm gewidmet ist. Fans können sich hier außerdem in das „Dirty Dancing“-Gästebuch eintragen. Es ist randvoll mit bekannten Zitaten aus dem Film: „I carried a watermelon”, „I’m scared of walking out of this room and never feeling the rest of my life the way I feel when I’m with you” und natürlich „Nobody puts Baby in a corner“, was übrigens ausschließlich im Deutschen mit “Mein Baby gehört zu mir, ist das klar” äußerst kreativ übersetzt wurde. Ein weiteres Zitat an der Wand stammt von Patrick Swayze, wenige Wochen vor seinem Tod: „I’ve had more lifetimes than any 10 people put together, and it’s been an amazing ride… So this (dying) is O.K.” Und wieder hab ich nen Kloß im Hals…

„Dirty Dancing” Hütte, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

„Dirty Dancing” Gästebuch, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Abends gehe ich zum Dinner ins Harvest, wo viele der Restaurantszenen im Kellerman’s Resort gedreht wurden. Beispielsweise als Baby die Einweisung des Personals belauscht oder auch als Familie Houseman beim Frühstück zusammensitzt. Die Terrasse wurden jedoch mittlerweile mit Fenstern geschlossen. Ich entscheide mich für die Lamb Chops und Fried Green Tomatoes. Zu gerne würde ich auch einen Blick in die Küche werfen, wo Baby im Film zufällig die weinende Penny entdeckt. Die Ecke, aus der Johnny Baby am Ende des Filmes schließlich herausholt, findet man hier jedoch nicht. Die Kulisse für den Abschlussabend wurde, weit weniger romantisch, in einer Turnhalle am Lake Lure aufgebaut.

Restaurant Harvest, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Restaurant Harvest, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Filmszene aus „Dirty Dancing”, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

An der Bar flimmert „Dirty Dancing“ auf einem kleinen Bildschirm. Ein älteres Ehepaar sitzt direkt davor. Barkeeper Michael Richardson entpuppt sich als wahrer Dirty-Dancing-Experte und weiß einiges über die Umstände des Filmdrehs zu berichten. So erfahre ich, dass die Filmemacher im Magazin von Delta Airlines eine Anzeige der Mountain Lake Lodge entdeckten und sich trotz bestehenden Vertrages mit Lake Lure, North Carolina, schließlich entschieden, zusätzlich in dem Hotel in Virginia zu drehen. „Die Anzeige hat sich definitiv gelohnt!“, grinst Michael, der bereits seit 1989 im Hotel arbeitet und während der „Dirty Dancing“ Wochenenden die Filmtouristen über das Areal führt.

„Dirty Dancing” Drehort Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Treff mit Barkeeper Michael Richardson, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Wir kommen auch auf Patrick Swayze zu sprechen. Michael erzählt mir, dass dieser eigentlich gar nicht die erste Wahl für die Hauptrolle des Filmes war. Im Gespräch war wohl zuerst Billy Zane („Titanic“), der schließlich keine Zeit hatte, und später Val Kilmer („The Doors“), dem wohl jedoch das Tanzen weniger lag. Patrick Swayze hingegen konnte sich sehr gut bewegen, da seine Mutter ein Tanzstudio hatte. „Und wie konnte man Patrick Swayze nicht mögen?“, fragt mich Michael ohne natürlich ernsthaft eine Antwort zu erwarten. In der Mountain Lake Lodge war der Star während des Drehs in Zimmer Nr. 232 untergebracht, weshalb dort auch ständig das Schild geklaut wird. Dabei gibt es hier etliche Dirty-Dancing-Souvenirs zu kaufen.

„Dirty Dancing” Souvenir, Mountain Lake Lodge, Virginia © Andrea David

Michael schätzt, dass etwa 70% der Gäste wegen „Dirty Dancing“ in das Hotel kommen: Männer, die ihre Freundinnen damit überraschen möchten, Mütter mit ihren Töchtern und natürlich Mädelsgruppen unterschiedlichen Alters. Im Film orakelt Hotelchef Max Kellerman (Jack Weston): „Bald kommen die jungen Leute nicht mehr zu uns, wollen lieber nach Europa reisen, 22 Länder in 3 Tagen.“ Für die Mountain Lake Lodge hat sich dies 30 Jahre später, natürlich vor allem dank des berühmten Tanzfilmes, nicht bewahrheitet.

Und als ich am nächsten Tag das Hotel schon wieder verlasse, drehe ich im Auto laut „I’ve had the time of my life“ auf. Die Zeit meines Lebens hatte ich woanders… doch selten war ich einem Film so nah wie hier.

 

Weitere Infos:
Übernachten in der Mountain Lake Lodge
„Dirty Dancing“ Drehorte
„Dirty Dancing“ auf DVD und Blu-ray
„Dirty Dancing“ Soundtrack

Anreise:
Von Washington D.C. aus sind es etwa 5 Stunden Fahrt bis zur Mountain Lake Lodge, 115 Hotel Circle, Pembroke, Virginia. Von Charlotte, North Carolina, benötigt man etwas mehr als 3 Stunden.

Verwandter Artikel:
North Carolina - Traumhafte Filmkulissen

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.