Schon der Name klingt für einen Kinofan verführerisch: Cinecittà heißt auf Italienisch Filmstadt. Hier entstanden Szenen legendärer Streifen wie „Ben Hur”, „Quo Vadis”, „Ein Herz und eine Krone”, „Spiel mir das Lied vom Tod” oder „Für eine Handvoll Dollar”. Für „La Dolce Vita” ließ Federico Fellini hier einst die Via Veneto nachbauen.

Büste aus dem Fellini-Film „Casanova”, Cinecitta Rom © Herbert Schabel

Cinecittà liegt gut neun Kilometer südöstlich vom Zentrum Roms und ist vom Hauptbahnhof Termini in etwa 20 Minuten mit der Metro, Linie A, zu erreichen – es ist die vorletzte Station Richtung Anagnina und nicht zu verpassen, da auch der Metro-Haltepunkt Cinecittà heißt. Keine schlechte Wahl, da das Tor zur Filmstadt nur etwa zehn Meter von der Metro-Ausgangstreppe entfernt ist. Ich hatte erwartet, mich hier in eine Schlange voller Filmfans einreihen zu müssen, doch als ich pünktlich zur Öffnung des Filmstudios um 9:30 Uhr eintreffe, bin ich der einzige Besucher. Ein junger Mann an der Kasse erklärt mir, dass in eineinhalb Stunden eine Führung in englischer Sprache durch die Außenkulissen beginnt, bis dahin könne ich Fellinis frühere Wohnung und das Museum der Cinecittà besichtigen.

Kostümausstellung in der früheren Wohnung Fellinis, Cinecitta Rom © Herbert Schabel

Mein erster Eindruck nach dem Passieren des Kassenraums: In Italiens früherer Fabrik der Träume ist es ruhig geworden – es ist nur ein Arbeiter zu sehen, der an einem verlassenen Pförtnerhäuschen werkelt. Dahinter ist eine große Rasenfläche, in deren Mitte eine überdimensionale Büste aus Fellinis Film „Casanova” steht. Der Weg führt links daran vorbei zu einem flachen Gebäude, dem früheren Zuhause von Fellini, der bis auf wenige Ausnahmen alle seine Filme in Cinecittà drehte und sich der Einfachheit halber hier auch häuslich einrichtete. In seiner früheren Wohnung sind ein halbes Dutzend Kostüme aus seinen Filmen sowie Filmfotos, Drehbücher und  Zeitungsausschnitte ausgestellt, außerdem werden in einem Raum Szenen aus Fellini-Filmen vorgeführt.

Neben Fellinis früherem Domizil liegt das Cinecittà-Museum, ein auffälliges orangefarbenes Gebäude, vor dem eine Art kaiserlicher Waschzuber aus Ridley Scotts „Gladiator” steht. In dem Museum werden Dokumentationsfilme und Ausstelllungen gezeigt, die die Herstellung eines Films erläutern. Besonders die Arbeit der Kostüm- und Maskenbildner wird gewürdigt. Obendrein kann man den Innenraumnachbau eines U-Bootes besichtigen, in dem im Jahr 2000 der Kriegsfilm „U-571” (u. a. mit Matthew McConaughey und Harvey Keitel) gedreht wurde.

U-Boot-Nachbau für „U-571”, Cinecitta Rom © Herbert Schabel

Gleich neben dem Museum gibt’s ein Café, in dem auch Souvenirs verkauft werden. Hier warte ich auf den Start meiner Führung, während sich im Verlauf des Vormittags noch ein paar weitere Filminteressierte einfinden. Der Guide für unsere kleine Gruppe ist eine junge Italienerin, die uns zuerst zu Kulissen von Martin Scorseses „Gangs of New York” bringt. Dafür wurden ein Stück des Broadway sowie die ärmliche New Yorker Gegend „Five Points” hier nachgebaut. Die Straßenkulisse ist später für andere Filme immer wieder verändert worden, erklärt unsere Führerin. Von manchen Kulissen blättert Farbe ab, Scherben liegen auf dem Boden.

Filmkulisse „Gangs of New York”, Cinecitta Rom © Herbert Schabel
Filmkulisse „Gangs of New York”, Cinecitta Rom © Herbert Schabel

Weiter geht’s zu den Kulissen der von HBO der RAI produzierten Serie „Rom”, die tatsächlich in der ewigen Stadt entstanden  ist. Anders als in der „Gangs”-Kulisse, die ich mit den Filmbildern in meinem Kopf nicht in Verbindung bringen konnte, erkenne ich diesen Serienschauplatz sofort wieder. Römischer Senat, Tempel, Marktplatz, das Wohnviertel  – alles da.

Filmkulisse der Serie „Rom”, Cinecitta Rom © Herbert Schabel
Filmkulisse der Serie „Rom”, Cinecitta Rom © Herbert Schabel

Ein paar Tage zuvor hatte ich das Forum Romanum besichtigt, einst das Zentrum des römischen Reichs, von dem nur noch Trümmer erhalten sind. In Cinecittà kann man nun sehen, wie  Filmkulissenbauer das einstige Zentrum Roms rekonstruiert haben – das Ergebnis ist beeindruckend, auch wenn die Gebäude hier natürlich nicht aus Stein, sondern aus Styropor, Holz und  Gips gebaut und hinter den teils bunten Fassaden hohl sind. Die Innenaufnahmen der Serie sind in Filmhallen in Cinecittà entstanden, erzählt unsere Führerin.

Forum Romanum, Cinecitta Rom © Herbert Schabel

„Rom”, mit seiner ausufernden Erzählweise und einem Mix aus Gewalt- und Nacktszenen gewissermaßen der Vorläufer von „Games of Thrones”,  war bei seiner Entstehung in den Jahren 2005/06 mit Kosten von etwa 100 Millionen Dollar die bis dahin teuerste TV-Serie der Welt. Es muss einer der letzten großen Zahltage für die Cinecittà gewesen sein.

Filmkulisse für „Die Borgias” und „Romeo and Juliet”, Cinecitta Rom © Herbert Schabel

Nun geht es zu mittelalterlich wirkenden Häuserkulissen, die laut unserer Führerin unter anderem für „Die Borgias” verwendet worden sind, eine TV-Serie von 2010, und für den britischen Spielfilm „Romeo and Juliet” aus dem Jahr 2013. Erinnerungsstücke, die noch viel weiter in die Geschichte von Cinecittà reichen, gibt es dann vor der Skulpturenwerkstatt des insgesamt rund 40 Hektar großen Filmstudios zu sehen – darunter sind Dekofiguren aus Klassikern wie „Cleopatra” und „La Dolce Vita”. Da sind sie nun also, die Zeugnisse der glorreichen Vergangenheit der Cinecittà – allerdings stehen diese Überbleibsel ungeschützt im Freien, und lediglich ein per Hand beschriebenes Pappschild informiert die Besucher, welche Schätze hier ausgestellt sind.

Dekorationsfiguren vor der Skulpturenwerkstatt, Cinecitta Rom © Herbert Schabel

So verstärkt sich der Eindruck, dass der Glanz verblasst und das süße Leben in der Cinecittà vorbei ist. Tatsächlich werden heutzutage hier meist TV-Formate hergestellt, Seifenopern oder die italienische Version von „Big Brother”. Filme lassen sich dagegen in Tschechien oder Rumänien günstiger produzieren, weshalb internationale Kinomacher nur noch seltene Gäste im einstigen „Hollywood an der Tiber” sind. Bei meinem Besuch wirken manche Teile von Cinecittà, einst ein Symbol der Kino-Nation Italien, wie ausgestorben.

Unsere Führerin lässt uns zum Schluss der eineinhalbstündigen Tour einen Blick in die berühmteste der insgesamt 21 Hallen werfen, die für Innenaufnahmen verwendet werden. Die Halle Nummer 5, die sie uns zeigt, sei als „Fellini-Teatro” berühmt geworden; hier habe der Regisseur die meisten seiner Filme gedreht, sagt sie. Das Gebäude, 80 Meter lang, 35 Meter breit, 14 Meter hoch, zu Fellinis Zeiten laut unserer Führerin die größte Filmhalle Europas, steht gerade leer.

Fellini-Teatro, Studiohalle 5, Cinecitta Rom © Herbert Schabel

Fazit:
Wer sich auf die Spuren großer Kinoklassiker begeben möchte und dort umher schlendern, wo einst Claudia Cardinale und Audrey Hepburn flanierten oder Clint Eastwood und Gian Maria Volontè sich in Spaghettiwestern gegenüberstanden, ist hier richtig. Allerdings beschleicht einen hin und wieder auch das Gefühl, ein paar Jahre zu spät gekommen zu sein.

Tipps für einen Besuch:
Der Eintritt kostet ohne Führung zehn Euro; damit kann man jedoch nur die frühere Fellini-Wohnung und das Cinecittà-Museum besichtigen. Nur mit einer Führung (Kostenpunkt: 20 Euro, Beginn um 11 und  14 Uhr) darf man aber durch eine Absperrung zu den Außenkulissen gehen und das eigentliche Filmstudio-Gelände betreten.

Das Filmstudio sollte man übrigens nicht verwechseln mit dem Freizeitpark „Cinecittà-World”, der im Juli 2014 ein paar Kilometer entfernt in Castel Romano eröffnet worden ist. „Cinecittà-World” ist ein Film-Themenpark mit Achterbahnen, steht also im starken Kontrast zur historischen Cinecittà.

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