„Grüne Tomaten“, die berührende Tragikomödie über die tiefe Freundschaft zweier Frauen in den 30er Jahren, ist ohne Zweifel ein Filmklassiker. Auch über 25 Jahre nach seinem Erscheinungsjahr hat er nichts an Beliebtheit eingebüßt. Schon bei vielen Reisen konnte ich erleben, was für eine anhaltende Wirkung solche Filmklassiker auf die Orte ihrer Entstehung haben, wie beispielsweise „Rambo“ auf Hope oder „Dirty Dancing“ auf den Lake Lure. Doch bei meinem Besuch in Juliette, Georgia, sollte sich herausstellen, dass der Film „Grüne Tomaten“ für seinen Drehort sogar noch eine weitaus größere Bedeutung hat.

„Grüne Tomaten” Souvenirs, Juliette, Georgia © Andrea David

Juliette, etwa eine Stunde südöstlich von Atlanta, hieß früher eigentlich mal Glover und wurde erst mit Bau der Eisenbahnlinie Ende des 19. Jahrhunderts nach Juliette McCracken, der Tochter des Eisenbahningenieurs, umbenannt. Jahrzehntelang florierte das Geschäft in Juliette bis es in den 50ern wirtschaftlich bergab ging und die örtliche Getreidemühle schloss. Nach und nach verschwanden auch die Geschäfte und der Ort wurde beinahe vergessen. Und tatsächlich: Erst der Filmdreh von „Grüne Tomaten“ hauchte Juliette 1991 wieder Leben ein und brachte es zurück auf die Landkarte.

Alte Bahnstation, Juliette, Georgia © Andrea David

Ruth & Idgie’s Haus in „Grüne Tomaten”, Juliette, Georgia © Andrea David

Ruth & Idgie’s Haus in „Grüne Tomaten”, Juliette, Georgia © Andrea David

Neben dem Film ist dies auch einzelnen Personen zu verdanken, die mit ihrem Einsatz und neu eröffneten Läden entlang der McCracken Street die einst verlassene Geisterstadt wiederbelebten. Darunter beispielsweise Tommy Moon, der bereits seit 39 Jahren Bienen züchtet und seit 11 Jahren in Juliette den Laden The Honey Comb betreibt. Neben Honig kann man bei ihm weitere lokale Produkte sowie Souvenirs zu Ort und Film kaufen. Gleichzeitig ist Tommy Vorsitzender des jährlichen Green Tomato Festivals. Ein weiterer Ladenbesitzer ist Don Carl Jost, in dessen Gift Shop auf einem kleinen Bildschirm „Fried Green Tomatoes“ in Dauerschleife läuft.

McCracken Street mit Whistle Stop Cafe, Juliette, Georgia © Andrea David

The Honey Comb, Juliette, Georgia © Andrea David

„Grüne Tomaten” Souvenirs, Juliette, Georgia © Andrea David

„Grüne Tomaten” Souvenirs, Juliette, Georgia © Andrea David

„Grüne Tomaten” Souvenirs, Juliette, Georgia © Andrea David

Das Whistle Stop Cafe, in dem in „Grüne Tomaten“ die Hauptfiguren Idgie (Mary Stuart Masterson) und Ruth (Mary-Louise Parker) für ihre Gäste kochen, öffnete bereits ein paar Monate nach dem Dreh und wird seit 15 Jahren von Powerfrau Elizabeth Bryant betrieben. Das Geschäft läuft gut, an manchen Tagen halten sogar Tourbusse vor dem Restaurant. Im Juliette Opry House, im Film als Gemischtwarenladen zu sehen, sind viele Gegenstände aus Juliettes Vergangenheit darunter auch Filmrequisiten ausgestellt. Hin und wieder finden dort Country- und Bluegrass-Konzerte statt, die Bryant Leggett organisiert. Nur die Statik des Gebäudes lässt leider aktuell keine größeren Veranstaltungen zu.

Whistle Stop Cafe, Juliette, Georgia © Andrea David

Opry House, Juliette, Georgia © Andrea David

Opry House, Juliette, Georgia © Andrea David

Der private Besitzer des Ortes, Robert Williams, hält ein besonderes Auge darauf, dass sich Juliette weiter so präsentiert, wie man es auch aus dem Film kennt. Und auch im Whistle Stop Cafe, das 1927 von Roberts Großvater Edward L. Williams gebaut wurde, ist dies immer noch die Devise. Angesichts der vielen Gäste - über 100.000 im Jahr - könnte man sicher locker noch ein paar Tische und Stühle mehr füllen, doch sowohl deren Anzahl als auch Position ist exakt so, wie man es auch in „Grüne Tomaten“ gesehen hat. Sonntags bleibt das Restaurant geschlossen. Reservieren kann man übrigens nicht. Um einen Platz zu bekommen, sollte man daher schon gegen 11 Uhr ankommen. Um 13 Uhr muss man schon mal mit über einer Stunde Wartezeit rechnen…

Whistle Stop Cafe, Juliette, Georgia © Andrea David

Whistle Stop Cafe, Juliette, Georgia © Andrea David

Doch das Warten lohnt sich! Das Essen im Whistle Stop Cafe ist komplett auf die Südstaatenküche ausgerichtet und wirklich sehr lecker. Die herzhaften Fried Green Tomatoes mit Rettich-Sauce sind natürlich Pflicht, nicht nur für Filmfans! Doch ich empfehle auch wärmstens den saftigen Yard Bird, wie das Hähnchen früher in den Südstaaten hieß, und dazu die knusprigen frittierten Zwiebelringe. Für den Zitronen-Käsekuchen mit sieben Schichten finde ich leider beim besten Willen keinen Platz mehr im Magen, habe mir aber sagen lassen, dass er traumhaft sein soll. Falls ich also nochmal nach Juliette zurückkomme, steht dieser dann ganz oben auf meiner Bestellung.

Fried Green Tomatoes im Whistle Stop Cafe, Juliette, Georgia © Andrea David

Yard Bird im Whistle Stop Cafe, Juliette, Georgia © Andrea David

Bei meinem kleinen Verdauungsspaziergang habe ich hinter dem Gebäude die Feuerstelle entdeckt, auf der im Film ein - ähm - außergewöhnliches Fleisch gegrillt wurde („Das Geheimnis liegt in der Soße!”). Daneben erinnert eine Grabplatte an den spurlos verschwundenen Frank Bennett (Nick Searcy), den aber ja niemand so wirklich vermisst. Und beim Gang durch den Ort habe ich an der McCracken Street noch einen weiteres filmisches Relikt gefunden: das Grab mit der Aufschrift „Here lies Buddy’s Arm - 1929-1936 - So long old pal“.

Feuerstelle am Whistle Stop Cafe, Juliette, Georgia © Andrea David

„Here lies Buddy’s Arm”, McCracken Street, Juliette, Georgia © Andrea David

Es lohnt sich noch etwas Zeit am Stauwehr des Ocmulgee River einzuplanen. Rechts neben der Brücke finde ich einen Parkplatz in einem kleinen Stadtwäldchen, in dem es herrlich ruhig ist. Hier und entlang des Wehrs spazierten in „Grüne Tomaten“ die kleine Idgie mit Bruder Buddy (Chris O’Donnel) und Ruth zu Beginn des Filmes entlang. Wer möchte kann hier Baden oder Fischen oder einfach etwas die Füße im Wasser abkühlen.

Ocmulgee River, Juliette, Georgia © Andrea David

Wehr am Ocmulgee River, Juliette, Georgia © Andrea David

Fünf Autominuten vom Whistle Stop Cafe entfernt befinden sich die Kirche und der Friedhof, die die angefreundeten Frauen Evelyn Couch (Kathy Bates) und Ninny Threadgoode (Jessica Tandy) gegen Ende des Filmes besuchen. Viel verändert hat sich hier nicht. Die Juliette United Methodist Church scheint jedenfalls vom Millenniumwechsel genauso wenig wie der restliche Ort mitbekommen zu haben. Fehlt eigentlich nur noch das Glas mit frischem Honig und der Nachricht „I’ll always love you, the Bee Charmer”…

Juliette United Methodist Church, Juliette, Georgia © Andrea David

 

Und so hat ein Film, dessen Geschichte eigentlich ja in Alabama angesiedelt ist, sehr viel für einen bereits vergessenen Ort in Georgia getan. Ein wahres Südstaaten-Märchen!

 

Weitere Infos für Fans von „Grüne Tomaten“:

Im Herbst findet in Juliette jährlich das Green Tomato Festival statt. Der nächste Termin ist der 28. bis 29. Oktober 2017.

Neben Juliette wurde für „Grüne Tomaten“ auch im etwa eine Stunde entfernten Senoia gedreht. Dort entstand beispielsweise die Szene, in der Buddy bei einem Eisenbahnunfall tödlich verunglückt. Senoia ist in letzter Zeit vor allem als Drehort für verschiedene Schauplätze der Serie „The Walking Dead“ bekannt geworden. Das Altenheim, in dem Evelyn Ninny kennen lernt, ist das Starcrest Nursing Home in Newnan.

Fankram:
„Grüne Tomaten” Filmtrailer
„Grüne Tomaten” auf DVD und Blu-ray
„Grüne Tomaten” Taschenbuch
Fannie Flagg’s Original Whistle Stop Cafe Cookbook

 

Weitere in und um Juliette gedrehte Filme:

Schon 1986 diente Juliette als Filmkulisse für den Thriller „A Killing Affair“ mit Peter Weller und Kathy Baker in den Hauptrollen.

Im aktuellen Kinofilm „Baby Driver“ ist die Brücke über den Ocmulgee River nahe Juliette in einer der Schlussszenen zu sehen.

Zwischen Juliette und Atlanta befinden sich einige Filmlocations für die Serie „Stranger Things“ wie etwa Stockbridge und Jackson. Die Stadt Covington, Drehort für Mystic Falls in „Vampire Diaries“, ist etwa eine Stunde entfernt. Atlanta selbst ist ohnehin Filmmetropole.

Unterkünfte: In Juliette selbst gibt es nur ein Bed & Breakfast. Wer einen längeren Aufenthalt plant findet jedoch im 15 km entfernten Forsyth ein paar Hotels.

 

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Offenlegung: Meine Recherchereise nach Juliette wurde von Explore Georgia unterstützt.

Über den Autor

Ich liebe Filme und Reisen und leidenschaftlich gerne verbinde ich das eine mit dem anderen. Seit über 12 Jahren reise ich auf den Spuren sehenswerter Filmschauplätze auf der ganzen Welt und teile hier Infos über die Drehorte alter und neuer Streifen. Mehr

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2 Responses

  1. Nina

    Supertoll! Ich liebe deine Berichte und hab gestern erst Baby Driver geguckt und dabei natürlich die Brücke gesehen :)

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    • Andrea David

      Lieben Dank, Nina! Ich finde es immer spannend, wie sich die filmische Geografie zusammenfügt und man weiß, da gleich um die Ecke wurde ein ganz anderer Film gedreht, so wie bei „Grüne Tomaten” und „Baby Driver”. :-)

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