„Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klau‘n und einfach abzuhau‘n“, singt Udo Lindenberg am Ende von „Nordsee ist Mordsee“ und bringt damit die Sehnsucht der Hauptfigur Uwe (Uwe Bohm) auf den Punkt, der sich im Laufe des Filmes immer mehr mit seinem anfänglichen Gegenspieler Dschingis (Dschingis Bowakow) verbündet.

Der Film ist quasi Hamburgs eigene Huckleberry-Finn-Geschichte und in diesem Jahr würdigt die Aktion „Eine Stadt sieht einen Film“ den Filmklassiker aus dem Jahre 1976, dessen Regisseur Hark Bohm in den kommenden Tagen seinen 80. Geburtstag feiert: Am 5. Mai wird „Nordsee ist Mordsee“ in fünfzehn Hamburger Arthouse- und Programmkinos zu sehen sein. Die Aufführungen werden von Gesprächen mit Hark Bohm und dem Filmteam sowie einer Barkassenfahrt zu den Drehorten flankiert.

Filmszene aus „Nordsee ist Mordsee” an der Alten Schleuse, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David / Studiocanal

Wasserturm Groß Sand, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David

Ich habe mich vorab schon einmal auf Spurensuche in Hamburg-Wilhelmsburg gemacht, wo sich der Hauptschauplatz, neben der Elbe selbst versteht sich, befindet. Uwe wohnt im Film in einer Arbeitersiedlung der 70er Jahre. Rundherum gibt es Freiflächen, auf denen er mit seiner Clique unterwegs ist. Zuhause hat er außer Stress nicht viel zu erwarten…

Als ich am Bahnhof Wilhelmsburg meine Tour starte, wird schnell klar, dass sich hier seit dem Dreh vor über 40 Jahren viel verändert hat. Die riesigen Freiflächen scheinen verschwunden und bis ich um die Ecke des 2014 eröffneten Luna Einkaufscenters biege, bin ich mir nicht sicher, ob ich die Drehorte hier überhaupt noch wiedererkenne.

Flachdachbauten am Berta-Kröger-Platz, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David

Doch tatsächlich entdecke ich dort die Flachdachbauten, die im Film den Edeka, in dem Uwes Mutter arbeitet, und die Kneipe, in der die Clique einen Spielautomaten plündert, beherbergen. Heute befinden sich darin die Büros einer Unternehmensgruppe und ein Restaurant. Direkt davor wird Dschingis im Film von den anderen das Fahrrad entrissen. Heute ist dies der Berta-Kröger-Platz, umrahmt von der Krieterstraße.

Drehort aus „Nordsee ist Mordsee” auf dem Berta-Kröger-Platz, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David / Studiocanal

Drehort aus „Nordsee ist Mordsee” auf dem Berta-Kröger-Platz, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David / Studiocanal

Der Blick zum großen Wohngebäude, das in „Nordsee ist Mordsee“ immer wieder kurz im Hintergrund auftaucht, ist verbaut. Doch nach ein paar Minuten Fußweg in diese Richtung entdecke ich es hinter den Bäumen in der Neuenfelder Straße 71, 73, 75 wieder. Und auch wenn das Rot nun einem Beige gewichen ist, sticht es mit den drei Aufzugschächten doch immer noch heraus. Uwe wohnt im Film auf der gegenüberliegenden Seite, im Hochhaus mit der Adresse Neuenfelder Straße 86.

Drehort aus „Nordsee ist Mordsee” an der Neuenfeldstraße, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David / Studiocanal

Wohnhaus von Uwes Familie an der Algermissenstraße, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David

Genau an der Abbiegung Neuenfeldstraße / Algermissenstraße, vor der Sparkasse, muss im Film der Wagen gestanden haben, mit dem sich Uwe eine kleine Spritztour genehmigt, um den anderen zu beweisen, dass er Auto fahren kann.

Drehort aus „Nordsee ist Mordsee„an der Algermissenstraße, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David / Studiocanal

Er braust damit in Richtung St. Maximilian Kolbe Kirche, der in den vergangenen Jahren immer wieder mal der Abriss drohte. Die Pläne wurden jedoch dank des Denkmalschutzamtes wieder verworfen und heute ist das Gebäude, das derzeit umgebaut wird, in die Aktivitäten der Malteser rund um das nahe gelegene Altenpflegeheim integriert.

Drehort aus „Nordsee ist Mordsee„an der Algermissenstraße, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David / Studiocanal

St. Maximilian Kolbe Kirche, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David

Die Kirche mit ihrer auffälligen Spiralform ist auch vom großen Spielplatz aus zu sehen, auf dem sich die Clique in „Nordsee ist Mordsee“ trifft und so manchen Streich ausheckt. Dieser musste in den 80ern im Zuge des Baus der S-Bahn-Haltestelle und der Umgestaltung des Busbahnhofs weichen. Wenn man jedoch an der Kirche vorbei in den Maximilian-Kolbe-Weg einbiegt, kommt man in einen kleinen Park mit Basketballplatz. Hier hat man wohl damals gedreht, jedenfalls passt der Blickwinkel zurück zur Kirche.

Drehort aus „Nordsee ist Mordsee„beim Maximilian-Kolbe-Weg, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David / Studiocanal

Natürlich statte ich auch der Alten Schleuse am Veringkanal einen Besuch ab, an der Dschingis im Film sein Floß baut, sich heftig mit Uwe in die Haare kriegt und schließlich mit diesem von hier auf eine abenteuerliche Reise startet. Die Schleuse ist über den Schlengendeich gut zu Fuß erreichbar, allerdings ist die gegenüberliegende Seite, auf der gedreht wurde, nicht mehr zugänglich. Die Veringschleuse ist die älteste und einzige noch handbetriebene Schleuse Hamburgs. 2008 wurde sie instandgesetzt und wird nach wie vor von einem Schleusenwärter betrieben.

Alte Schleuse am Veringkanal, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David

Drehort aus „Nordsee ist Mordsee„an der Alten Schleuse am Veringkanal, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David / Studiocanal

Drehort aus „Nordsee ist Mordsee„an der Alten Schleuse am Veringkanal, Hamburg-Wilhelmsburg © Andrea David / Studiocanal

Von hier laufe ich noch etwas weiter Richtung Uferpark, um den zweiten Teil des Filmes Revue passieren zu lassen. Die Industrieanlagen, an denen ich vorbeikomme, haben auch im Film einen kleinen Auftritt, als die Jungs durch die Schleuse zum Reiherstieg rudern. Durch den Kanal fahren sie weiter bis zur Norderelbe, wo sie allerdings umkehren, weil Uwe die Barkasse seines Vaters entdeckt. Hinter der Rethehubbrücke klauen sie ein richtiges Boot und segeln in den Köhlbrand. Durch Zufall landen sie ausgerechnet auf der Knastinsel Hahnöfersand in der Nähe des Jugendgefängnisses, später fliehen sie auf der Höhe Stade-Bützfleth vor der Wasserschutzpolizei…

Industrieanlagen am Reiherstieg, Hamburg © Andrea David

„Nordsee ist Mordsee, den Spruch hast du wohl auch noch nie gehört, wa?“, fragt Uwe Dschingis nachdem sie mal wieder nur knapp entkommen sind. Doch wirkliche Angst scheint keiner der beiden zu haben, denn am Ende sieht man sie zu Udo Lindebergs Stimme tatsächlich aufs offene Meer zusteuern:
„Ich weiß noch nicht wohin, Hauptsache, dass ich nicht mehr zuhause bin.“

 

Weitere Informationen: Eine Stadt sieht einen Film

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4 Responses

  1. Andread

    Moin.
    Wir waren jüngst in dem Film im Rahmen der Aktion ” Eine Stadt sieht einen Film”
    Und seither beschäftigt mich die Umgebung weil ich beruflich viel in der Gegend zu tun habe.
    Vielen Dank für die Mühe und Detailliebe . Ich werde mich auf eine Exkursion begeben und ihren Spuren folgen.
    Gruss.
    Andreas Mundt

    Antworten

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