Wie bei einem Stopptanz bleibe ich augenblicklich stehen, reiße die Augen auf, mache sie für eine Sekunde zu, dann schnell wieder auf. Der Wolf ist immer noch da, keine hundert Meter entfernt, den Blick fest auf mich gerichtet. Nachdem ich gerade eben aus dem Auto gestiegen bin, ist es meine erste Begegnung mit einem Einheimischen auf Vancouver Island. Wer hätte gedacht, dass dies ein Wolf sein wird? Neben der Faszination birgt dies für mich auch eine gewisse Komik in sich, bin ich doch auf Vancouver Island, um mich auf filmische Spuren zu begeben, unter anderem der Twilight Saga, bekanntlich mit einem Wolf in einer der Hauptrollen.

Wolf am Ucluth Beach, Wya Point Resort, Vancouver Island © Andrea David

Die Bären immerhin sind noch im Winterschlaf als ich im März nach Vancouver Island komme. Doch das Wort Winter benutzt man auf Vancouver Island eher selten, stattdessen hat man der kalten Jahreszeit den Namen „Storm Watching“ verpasst. Und mit Blick auf die tosenden Wellen muss ich zugeben, dass man kaum einen besseren dafür hätte finden können. In meiner ersten Bleibe, einer wunderschönen Hütte im Wya Point Resort, kann ich mich nach meiner Wolfsbegegnung kaum daran sattsehen. Und nachdem ich mir sicher bin, dass mein Freund „Jake“ weitergezogen ist, geht es runter an den Ucluth Beach, der direkt vor meiner Hütte liegt. Nur einen Strand weiter, am Wya Point Beach, wo sich heute die Jurten des Resorts befinden und früher die First Nations siedelten, wurde für die Twilight-Filme „New Moon“ - Wolf Jacob rettet Bella nach ihrem Sprung von der Klippe aus dem Wasser - sowie später auch „Eclipse“ und „Breaking Dawn“ gedreht.

„Jake” zieht weiter, Ucluth Beach, Wya Point Resort, Vancouver Island © Andrea David

Wya Point Resort, Vancouver Island © Andrea David

Storm Watching auf Vancouver Island © Andrea David

„Twilight”-Drehort Wya Point Beach, Vancouver Island © Andrea David

Mit der richtigen Twilight-Einstimmung nehme ich mir am nächsten Tag den Long Beach in der Nähe von Tofino vor, der ebenfalls zu den „New Moon“-Drehorten gehört. Jacob erklärt Bella hier, dass die Wölfe nur Vampire töten, keine Menschen… Den Schauplatz kann man sehr gut am Incinerator Rock im Hintergrund wiedererkennen. Seinen eigenartigen Namen bekam der Fels übrigens daher, da das Militär darauf früher seinen Müll verbrannte. Zuletzt ritten im Kino auch Caesar & Co. in „Planet der Affen 3: Survival” am Long Beach entlang. Wie bereits in Twilight verkörperte der weitläufige Strand darin einen Schauplatz an der Küste von Washington State. Genau wie im benachbarten US-Bundesstaat soll es hier im Sommer den berüchtigten Morgennebel geben, der den Ort noch mystischer wirken lässt. Ich freue mich hingegen über ein faszinierendes Sonne-Wolken-Schauspiel.

„Twilight”-Drehort, Long Beach, Tofino, Vancouver Island © Andrea David

Long Beach, Tofino, Vancouver Island © Andrea David

„Twilight”-Drehort, Long Beach mit Incinerator Rock, Tofino, Vancouver Island © Andrea David

Long Beach mit Incinerator Rock, Tofino, Vancouver Island © Andrea David

Eine kleine Wanderung (1,5 km) auf dem South Beach Trail, der direkt am Kwisits Visitor Centre startet, bringt mich zu einer weiteren Twilight-Location aus „Eclipse“. Im Film taucht hier eine neue Armee von Vampiren auf, gegen die die Cullens und die Wölfe schließlich gemeinsam in den Kampf ziehen. Die Kieselsteine hier am Strand werden vom Meer immer wieder aneinander gewaschen, was den rauschenden Wellen einen zusätzlichen Sound verleiht. Hungrig von der frischen salzigen Meeresluft lande ich abends im Seafood Restaurant „The Offshore“ in Ucluelet. Das Städtchen, dessen indianischer Name „sicherer Hafen“ bedeutet, schlüpft in der neuesten Superman-Verfilmung „Man of Steel“ in die Rolle eines Ortes in Alaska.

Kwisits Visitor Centre, South Beach Trail, Vancouver Island © Andrea David

South Beach Trail, Vancouver Island © Andrea David

„Twilight”-Drehort, South Beach, Vancouver Island © Andrea David

Ucluelet, Vancouver Island © Andrea David

„Man of Steel”-Drehort in Ucluelet, Vancouver Island © Andrea David

Nach zwei Nächten im Wya Point Resort, wo ich die magische Begegnung mit dem Wolf hatte, ziehe ich weiter ins nicht weniger traumhaft gelegene Wickaninnish Inn in Tofino. Sowohl von meinem Zimmer - inklusive der Badewanne! - als auch vom Restaurant „The Pointe“ aus habe ich eine großartige Sicht auf den stürmischen Pazifik. Einen besseren Ort für das meditative Stormwatching kann ich mir nicht vorstellen. Das Eco-Hotel hat das Motto „Rustic elegance on nature’s edge“. So verzichtet man hier auf Schnickschnack wie einen Pool oder weiße Tischtücher, stattdessen will man die Gäste mit Regenjacken und Ferngläsern in allen Zimmern zur Naturerkundung entlang des Chesterman Beach ermuntern.

Badewanne mit Ausblick, Wickaninnish Inn, Vancouver Island © Andrea David

Storm Watching, Vancouver Island © Andrea David

Justin Trudeau hat hier übrigens schon gespeist und Neil Patrick Harris („How I met your mother“) hat sich den Rücken durchkneten lassen. Überhaupt erholen sich viele Schauspieler gerne in Tofino von den Dreharbeiten in der Filmstadt Vancouver. Was ich an diesem Hotel besonders spannend finde: Es ist sowohl Schauplatz als auch Entstehungsort des Science-Fiction-Thrillers „Der Schwarm“ von Frank Schätzing und hoffentlich, wenn sich jemand der meiner Meinung nach längst überfälligen Verfilmung annimmt, bald auch als Originaldrehort auf der großen Leinwand zu sehen. In der Geschichte, die Schätzing während seines Aufenthalts im Wickaninnish Inn schrieb, trifft Walspezialist Leon Anawak an diesem Hotel zum ersten Mal auf Samantha Crowe, der Leiterin von SETI…

Wickaninnish Inn, Vancouver Island © Andrea David

Apropos „Der Schwarm“: Anawak arbeitet darin in Jamie’s Whaling Station, die es ebenfalls wirklich in Tofino gibt. Passenderweise findet in Tofino gerade das Pacific Rim Whale Festival statt und für mich ist klar, hier nicht abzureisen, ehe ich nicht einen Wal gesehen habe. So starte ich im strömenden Regen zu einer Whale Watching Tour, die im Buch ja äußerst tragisch endet. In Realität gilt in Kanada allerdings, dass sich die Boote den Walen nur bis 100 Meter Abstand nähern dürfen, was das fiktive Szenario bei meinem Ausflug Gott sei Dank noch unwahrscheinlicher macht. Bei den Walen habe ich heute allerdings weit weniger Glück als bei meiner Wolfssichtung. Immerhin ist in der Ferne ein Grauwal ist zu sehen, der ein paar Mal zum Luftholen nach oben kommt. Bei dem Regenwetter gönne ich mir danach einen Whale Cookie und einen Cream Cheese Brownie im gemütlichen Common Loaf Bake Shop.

Jamie’s Whaling Station, Tofino, Vancouver Island © Andrea David

Jamie’s Whaling Station, Tofino, Vancouver Island © Andrea David

Whale Watching, Tofino, Vancouver Island © Andrea David

Common Loaf Bake Shop, Tofino, Vancouver Island © Andrea David

Neben Tofino und Umgebung ist Victoria am südlichen Ende der Insel der zweite begehrte Drehort auf Vancouver Island. In der Vergangenheit war die Stadt häufig als Stand-In für San Francisco oder auch US-Städte im Mittleren Westen zu sehen. Hollywood schätzt hier die Vielseitigkeit der Kulissen sowie die Unterstützung für Filmproduktionen, zumal Victoria in der gleichen Zeitzone liegt. Eine der beliebtesten Filmlocations ist Hatley Castle, 20 Minuten außerhalb der Stadt. Schon die Familie Dunsmuir, die hier Anfang des 20. Jahrhunderts wohnte, hatte Drähte zur Filmindustrie. Heute gehört das Anwesen zur Royal Roads University als Verwaltungsgebäude. Doch die zusätzlichen Einnahmemöglichkeiten durch Hochzeiten und Filmproduktionen nutzt man hier natürlich gerne.

Victoria, Vancouver Island © Andrea David

150 Jahre British Columbia, Victoria, Vancouver Island © Andrea David

Eine der größten Produktionen, die dem Gebäude treu bleibt, ist die X-Men-Reihe, in der Hatley Castle regelmäßig die Rolle von Professor Xaviers „Schule für begabte junge Menschen“ übernimmt. Viele Räumlichkeiten im Erdgeschoss, wie der Salon, der Speisesaal und das Billardzimmer, wurden für den Dreh umdekoriert. Stars im Superhelden-Kostüm, wie Halle Berry als Storm oder Hugh Jackman als Wolverine, gehören hier also sozusagen zu den Stammgästen. Und auch „Deadpool“ (Ryan Reynolds) schaut hier an Xaviers Schule vorbei, um sich Unterstützung zu holen. Hier hätte ich auch gerne studiert!

Hatley Castle, Victoria, Vancouver Island © Andrea David

Hatley Castle, Victoria, Vancouver Island © Andrea David

Von außen war das Hatley Castle beispielsweise schon als Villa von Erzfeind Lex Luthor in der Superman-Serie „Smallville“ oder als St. Georges Militärakademie in „The Killing“ zu sehen. Zur langen Filmliste gehören außerdem „MacGyver“, „Arrow” und Disneys “Descendants - Die Nachkommen”. Uferlos hier alle aufzuzählen, doch ich werde mir das Schloss sehr gut einprägen. Sicher taucht es auch künftig mal wieder auf Bildschirm oder Leinwand auf.

„Descendants”-Drehort, Hatley Castle, Victoria, Vancouver Island © Andrea David

In Downtown Victoria wimmelt es ebenso von Filmschauplätzen, auch wenn diese wie schon erwähnt oft in andere Städterollen schlüpfen. Zu meinen Favoriten gehören der Bastion Square, auf dem sich am Ende von Mystery-Schocker „Final Destination“ die Freunde Alex (Devon Sawa), Clear (Ali Larter) und Carter (Kerr Smith) in Paris in Sicherheit wähnen, dann jedoch schlagartig eines Besseren belehrt werden. Ein Must-See in Victoria ist die Fan Tan Alley, Kanadas schmalste Straße und Drehort in „Ein Vogel auf dem Drahtseil“. Darin flüchten Mel Gibson und Goldie Hawn halsbrecherisch auf dem Motorrad durch das enge Gässchen. Besonders hübsch sind auch der Fisherman’s Wharf und der Market Square.

„Final Destination” Drehort, Bastion Square, Victoria, Vancouver Island © Andrea David

Fan Tan Alley, Victoria, Vancouver Island © Andrea David

„Ein Vogel auf dem Drahtseil”-Drehort, Fan Tan Alley, Victoria, Vancouver Island © Andrea David

Fisherman’s Wharf, Victoria, Vancouver Island © Andrea David

Hier endet leider mein erster Besuch auf Vancouver Island und mit dem Schiff geht es wieder zurück in die Filmstadt Vancouver. Ich hoffe auf ein Wiedersehen mit der Insel, in Realität und bis dahin natürlich das ein oder andere Mal im Kino.

BC Ferries, Vancouver Island © Andrea David

 

Linktipps:
Pacific Rim Whale Festival
Jamie’s Whaling Station

Hoteltipps:
Wya Point Resort Ucluelet
Wickaninnish Inn Tofino
Boutique-Hotel Rialto Victoria

Anreise:
Mit BC Ferries z.B. ab Fährhafen Vancouver „Tsawassen“ nach Victoria „Swartz Bay“, Fahrzeit 1,5 h, oder Nanaimo „Duke Point“, Fahrzeit 2 h. Tipp: Durch eine Reservierung können lange Wartezeiten vermieden werden.

Filme:
Twilight-Saga
Planet der Affen: Survival
Man of Steel
X-Men 2
Deadpool
Final Destination
Ein Vogel auf dem Drahtseil

Hörbuch:
Der Schwarm

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Offenlegung: Meine Recherchereise nach Vancouver Island wurde unterstützt von Destination British Columbia.

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